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Alles Müll in Hamburg?

Vielleicht wart ihr schon mal in der folgenden Situation: Ihr seid zu Besuch in einem anderen Stadtteil Hamburgs und merkt, dass dort Müll anders getrennt wird als bei euch zu Hause. Das hat seine Gründe, ist aber bisweilen etwas kompliziert. Dahinter steckt ein System, welches zwar Anreize setzt – denn mit Mülltrennung kann man de facto Geld sparen –, auf der anderen Seite aber womöglich etwas zu viel Organisationsarbeit und -aufwand von den Menschen in Hamburg einfordert. Um vieles muss man sich am Ende des Tages nämlich selbst kümmern und das schreckt einige sicherlich ab. Um dem entgegenzuwirken, soll hiermit ein erster Schritt in die richtige Richtung gemacht werden: Denn dieser Text liefert wichtige, grundlegende Informationen, die euch bestenfalls umständliche Recherchearbeit ersparen.


Seit einem Jahr wohne ich nun schon in Hamburg. Für mich ist es das erste Mal, dass ich in einer deutschen Großstadt lebe. Davor kannte ich nur das beschauliche Leben in meinem Heimatdorf in Rheinland-Pfalz und in einer kleinen Universitätsstadt in Niedersachsen. An beiden Orten war für mich Mülltrennung in Gelber Sack sowie Papier-, Bio- und Restmüll selbstverständlich und in allen Haushalten gang und gäbe. In Hamburg aber habe ich zum ersten Mal mit dem Unwort „Sammelmüll“ Bekanntschaft gemacht: Einer lieblosen Kreation aus Restmüll-, Bio- und Verpackungsabfällen. Hintergrund dieses für mich befremdlich wirkenden Mülltrennungskonzeptes ist der Umstand, dass Mülltrennung in Hamburg in gewisser Weise Eigenverantwortung ist.


Ei·gen·ver·ant·wor·tung, die


In den USA ist die Redewendung „Hit or Miss“ gängig. Sie meint, dass eine Handlung in zwei gegensätzlichen Szenarien münden könnte: Entweder es funktioniert richtig toll (hit) oder es geht ziemlich in die Hose (miss). Meistens lässt sich der Ausgang jedoch nicht vorhersagen, da beide Extreme mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit möglich sind. Und so fühlt es sich irgendwie mit der Idee der Mülltrennung in Hamburg an. Aber was ist denn jetzt genau Sache?

Hamburg hatte den – zugegebenermaßen richtig guten – Einfall, eine Wertstofftonne (schwarze Tonne, gelber Deckel) einzuführen. Wieso ist das besonders? Weil hier nicht nur Verpackungsmüll (egal ob Plastik, Metall oder Kunststoff), sondern auch Nicht-Verpackungsmüll (bspw. Schüsseln oder Eimer aus Plastik bzw. Metall) aus eben diesen Materialien hinein dürfen. Das nennt sich dann „stoffgleiche Nichtverpackung“. Gibt’s tatsächlich nicht überall. Der Inhalt der Wertstofftonne wird dann schlussendlich für das stoffliche Recycling nochmal sortiert, sodass Materialien aus Kunststoff am Ende zum Beispiel als Rohöl wiederverwendet werden können. Trennt man im Haushalt aber den Müll nicht, kommt es im Zweifelsfall zur Verbrennung des Müllinhalts, obwohl dieser offensichtlich ja noch sinnvoll hätte verwendet werden können. Und das ist tatsächlich bittere Realität, denn das Problem: Joa, ist halt freiwillig, so eine Wertstofftonne zu besitzen. Man muss sich also mal wieder selbst darum kümmern.


Restmüll = Sammelmüll


Wenn man einfach nur die Füße stillhält und gar nichts macht, bleibt zumindest noch die schwarze Tonne mit dem farbgleichen Deckel: die Restmülltonne. Für die muss man demnach in jedem Fall blechen. Und wirft man dort dann neben den Haushaltsabfällen (bspw. Staubsaugerbeutel oder benutztes Küchenpapier) auch Wertstoffe (wie Tetra-Pak-Verpackungen oder Konservendosen) hinein, wird es schon ziemlich bunt im Inneren der schwarzen Tonnenhölle. Übrigens: Kennt ihr diesen Müll, den man im Sommer bestenfalls nicht länger als zwei Tage in der Wohnung haben will? Genau, den Biomüll. Und auch dieser findet sich viel zu oft in unserem tonnenförmigen Kochtopf à la Restmüll wieder. Wie das kommt, ist schon etwas komplizierter – allerdings unkomplizierter als bei der Wertstofftonne. Wieso, erfahrt ihr nach einem kurzen Exkurs.


Zumindest dürfen die Pappenheimer unter sich bleiben.


Selbst diejenigen, die sich mit dem Umstand der Sammeltonne abfinden, bekommen trotzdem noch eine zweite schwarze Tonne vor die Haustür oder in den Hinterhof gesetzt. Die hat einen blauen Deckel und ist auch oft „einen Ticken“ größer. In ihr landen auch Verpackungen. Meist die, die sich als Resultat unserer exzessiven Online-Bestellungen in unseren Wohnungen ansammeln: Pakete und Papiertüten, je nachdem was man sich so liefern lässt, gehören nämlich (surprise, surprise) in den Papiermüll. Falls ihr bei der weiteren Recherche zu diesem Thema die Abkürzung PPK lest: Das steht für Papier, Pappe, Kartonage – also direkt mal auf der nächsten Party mit Müllwissen flexen, zieht immer.


Und jetzt nochmal zurück zur Wertstofftonne. Wer hier proaktiv nachfragen und diese bestellen kann, hängt davon ab, wem das Haus oder die Wohnung gehört. Lebt ihr im Eigentum eurer Familie – erstmal Glückwunsch – seid ihr am Zug. Als Mieter*in dürft ihr mal höflich bei dem*der Vermieter*in nachfragen. Für die Bereitstellung einer Biomülltonne muss nämlich ein Vertrag abgeschlossen werden – no joke. Und zwar zwischen der*dem Eigentümer*in und der WERT Wertstoff-Einsammlung GmbH. Aber ihr könnt eure Eltern, landlords, landladys oder wem auch immer das Eigentum gehört, beruhigen: Bereitstellung und Leerung sind kostenlos – lediglich der Aufwand muss geleistet werden.


Also, abschließender Appell: Wenn ihr Müll nur zweiteilig in PPK und Restmüll trennt, schaut mal, ob sich der einstweilige Mehraufwand nicht lohnen würde. Aber Moment, wieso soll ich denn eigentlich überhaupt Müll trennen?


Ever heard of recycling?


Nahezu der gesamte Inhalt einer Restmülltonne wird verbrannt. Dabei sind Wertstoffe recyclebar und könnten im Sinne einer Kreislaufwirtschaft wiederverwendet werden – Beitrag zum Umweltschutz also, weil Sachen nicht neu produziert werden müssen, nice. Aus Bioabfällen wiederum können Biogas und Kompost geschaffen werden.

Die Worte „Deutschland“ und „Recyclingweltmeister“ wurden in den letzten Jahren inflationär oft gemeinsam in einem Satz verwendet. Aber jetzt mal nackte Zahlen: Je nach Berechnungsmethode lag die Recyclingquote in Deutschland vor zwei Jahren zwischen 50 und 67 %. Das variiert je nachdem, ob man zum Beispiel auch Sperrmüll mit eingerechnet hat oder nicht. Für Altpapier und Bioabfälle sieht die Stadt Hamburg zudem Mindestquoten von 50 % ab 2020 vor. Diese sollen alle fünf Jahre um wiederum fünf Prozentpunkte steigen, wodurch für diese Müllsorten 2035 mindestens 65 % recycelter Gewichtsanteil angestrebt wird. Aber Moment mal, da bleibt ja in jedem Fall noch etwas über, was nicht recycelt wird. Deutschland gilt nämlich nicht nur als Recyclingweltmeister, sondern wir sind auch nachgewiesener Europameister in Plastikmüllexporten und tragen damit rücksichtsloserweise zu Müllbergen, -inseln und Artensterben beispielsweise in Ozeanien und Südostasien bei. Daran können wir in Hamburg auch durch konsequente Mülltrennung nichts ändern, aber diesen traurigen Fakt wollte ich nicht unerwähnt lassen.

Abschließend nochmal zurück in unsere Hansestadt: Um Anreize für Mülltrennung zu schaffen, sind Wertstofftonnen und Wertstoffsäcke – wie gesagt – kostenlos erhältlich. Die Kosten für eine Restmülltonne variieren je nach Größe. Demnach lautet der Kniff, dass man durch Mülltrennung auf eine kleinere und somit kostengünstigere Restmülltonne umsteigen kann, und damit sogar unterm Strich Geld spart. Ist vielleicht doch nicht alles Müll in Hamburg.


In diesem Sinne: Tut was Gutes, bekommt den Hintern hoch und trennt euren Müll, danke.




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