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Circular Economy als Chance für die Nachhaltigskeitstransformation

„Circular Product“ stand bei meinem letzten Einkauf fett gedruckt auf dem Etikett – aber was bedeutet das eigentlich? Immer mehr Unternehmen bringen gerade Produkte mit Nachhaltigkeitsversprechen wie „Klimaneutrales Produkt“, „Recyceltes Material“ oder ähnliches auf den Markt und bewerben auf ihren Websites ihr Commitment zur Nachhaltigkeit und der Kreislaufwirtschaft. Lass uns mal näher drauf schauen, was es mit diesem Hype auf sich hat …


In Politik und Wissenschaft herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass die Circular Economy (dt.: Kreislaufwirtschaft) ein wichtiges Mittel zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele ist.1 Traditionell wurden Wertschöpfungsketten als linear verstanden, da rohe Materialien verarbeitet, genutzt und anschließend weggeschmissen wurden („take-make-waste“). Mit dem EU Circular Economy Action Plan soll Wirtschaftswachstum vom Materialverbrauch entkoppelt und Europa bis 2050 klimaneutral gemacht werden.2 Wegen diesem politischen Anreiz, dem wachsenden sozialen Druck sowie dem finanziellen Einsparungspotenzial interessieren sich Unternehmen zunehmend für die Kreislaufwirtschaft. Darum möchte ich dir heute einen Einblick in das Thema der Kreislaufwirtschaft geben, die Grundprinzipien erklären, das Potenzial aber auch die Herausforderungen aufzeigen, damit du beim nächsten Business Talk mitreden kannst. Zu den fundamentale Ansätzen der Kreislaufwirtschaft gehören u. a. die R-Strategies und und Cradle-to-Cradle.

Ansätze der Kreislaufwirtschaft

Die R-Strategien umfassen je nach Quelle 3R-, 9R- oder sogar 10R-Strategien. Vor allem sind damit Reduce, Reuse und Recycle gemeint.3 Diese Strategien sollen Unternehmen sowie Konsumierende animieren, ihren Primärmaterialverbrauch zu minimieren, indem sie vorhandene Materialien wiedergewinnen bzw. allgemein weniger Ressourcen verbrauchen. Beispielsweise besteht die Yogamatte des Hamburger Start-ups Yoyoka aus 100 % recyceltem Plastik. Auf neues Plastik kann komplett verzichtet werden. Alte Yogamatten werden zurückgebracht, sodass ihre Materialien für andere Produkte wieder genutzt werden können. Vereinfachte Demontage und Materialtrennung unterstützen ebenfalls die Kreislaufwirtschaft, indem Rohstoffe bei Bedarf ersetzt, repariert oder aufbereitet werden können. Ein simples Beispiel ist jedes modular aufgebaute Fahrrad, was im Handumdrehnen eigenständig repariert werden kann. Bei Elektronikgeräten wird zudem Upgradability, Adaptability und Standardisierung gefordert. Das niederländische Sozialunternehmen Fairphone macht es vor. Mit ihren Smartphones können Nutzer:innen langjährig Updates durchführen, kaputte Teile wie Batterien selbstständig austauschen oder auf die neueste Kamera upgraden und somit sparsam mit den Ressourcen umgehen. Die einheitliche Nutzung von USB-C- Kabeln bei allen Smartphonemarken reduziert den Bedarf an diversen Kabeln.


Cradle-to-Cradle (dt.: von der Wiege zur Wiege) ist ein Konzept, welches sich immer größerer Beliebtheit erfreut, auch bei großen Unternehmen wie Frosch und C&A. Als derzeit einziges Konzept der Kreislaufwirtschaft mit einem fest definierten Zertifizierungssystem können sich Produkte in den fünf Kategorien Materialgesundheit, Kreislauffähigkeit, Nutzung erneuerbarer Energien, Wasser- und Bodenmanagement sowie Soziale Fairness unter Beweis stellen. Alle Kriterien sind gleichermaßen wichtig, wobei Cradle-to-Cradle besonders auf seine Schwer-

punkte Materialgesundheit und Einbeziehung von sozialen Standards abhebt. Materialgesundheit beschreibt, inwiefern ein Produkt schädliche oder toxische Chemikalien beinhaltet. Der Referenzwert für Materialgesundheit ist, ob ein Baby bedenkenlos an diesem Produkt herumkauen könnte. Unter soziale Standards fallen Themen wie faire Bezahlung, Chancengleichheit am Arbeitsplatz, aber auch Unterstützung von lokalen Kommunen. Auch das Streben nach Klimapositivität anstelle von Klimaneutralität verdeutlicht den idealistischen Ansatz hinter diesem Konzept.

Kreislauf ist nicht gleich Kreislauf

Bei Cradle-to-Cradle wird zwischen dem biologischen und technischen Kreislauf unterschieden. Materialien aus Ersterem können nach (mehrfacher) Nutzung biologisch abgebaut und zu neuen Nährstoffen werden. Darunter fallen Produkte, die in einem direkten Kontakt mit Umwelt oder Menschen stehen, wie beispielsweise Schuhsohlen, Autoreifen oder Kleidung. Produkte, die robuster und technischer sind, wie Smartphones oder Waschmaschinen, werden dem technischen Kreislauf zugeordnet. Rohstoffe wie Aluminium, Stahl und bestimmte Arten von Plastik werden in einer idealen Welt ohne Wertverlust zirkuliert und verursachen keinen Müll. In der Praxis ist dies bisher allerdings nicht möglich. Das irreversible Vermischen von biologisch abbaubaren und nicht abbaubaren Materialien, wie beispielsweise ein Garn aus Baumwolle gemischt mit recyceltem Plastik aus dem Ozean, hat zur Folge, dass weder der eine noch der andere Kreislauf eingehalten werden kann. Somit sind viele Nachhaltigkeitsversprechen mit Vorsicht zu genießen. Etwas, was im ersten Moment ressourcenschonend klingt, kann langfristig das anvisierte Ziel verfehlen.


Kreislaufwirtschaft erfordert Umdenken

Um dem entgegenzuwirken, sollten Produkte, die im Kreislauf genutzt werden sollen, von Anfang an dafür designt werden. Es wird angenommen, dass 80 % der Umweltauswirkungen eines Produktes im Produktdesign bestimmt werden.4 Auch das Geschäftsmodell und die Infrastruktur sind kritische Faktoren für eine erfolgreiche Umsetzung der Kreislaufwirtschaft. Am einfachsten wäre daher die Nutzung von bestehenden Infrastrukturen wie dem gelben Sack, das Altglas, der Biomüll oder das Pfandsystem. Allerdings sind diese streng reguliert und noch nicht an die sich ändernde Produktlandschaft angepasst. Somit kann nicht alles, was theoretisch biologisch abbaubar ist, in der Biotonne entsorgt werden. Firmeneigene Take-back-Systeme sind dafür eine oft genutzte Möglichkeit, Materialien zurückzugewinnen und gleichzeitig Kund:innen an sich zu binden, indem sie bei Materialrückgabe einen Rabatt auf ein neues Produkt erhalten. Langfristig sollte jedoch ein firmenübergreifendes Logistik- und Wiederaufbereitungsnetzwerk diesen Prozess unterstützen. Mehrere Erhebungen wie bspw. von Ernst & Young oder vom Fraunhofer Institut sehen ein großes Potenzial von Kreislaufwirtschaft für die Logistikbranche. Die sogenannte Rückwärtslogistik (engl.: reverse logistics) könnte in den kommenden Jahren einen Boom erleben.5

Auch alternative Geschäftsmodelle abseits des Verkaufs von Produkten werden zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft genutzt. Vielleicht hast du schon mal von Elektronik zur Miete oder Kleidung im Abonnement gehört oder selbst ausprobiert. Bei Subscription- oder Sharing-Modellen wird nicht das Produkt verkauft, sondern die Nutzung bzw. das Ergebnis. Dies wird auch als Servitization bezeichnet. Dir wird keine Waschmaschine samt Rohstoffen verkauft, sondern die Dienstleistung, Wäsche in deinem Haus zu waschen. Geht die Maschine kaputt oder gibt es technische Fortschritte, ist es die Aufgabe des Unternehmens, die Materialien in den Kreislauf zurückzuführen oder Updates anzubieten. Könntest du dir vorstellen, irgendwann nichts mehr zu besitzen, sondern nur noch zu leihen? Und in welchen Bereichen machst du dies vielleicht schon lange?


Die Vorstellung, nichts mehr zu besitzen, scheint bei vielen Konsumierenden derzeit eine Hürde zu sein. Auch das Hamburger Unternehmen OTTO versuchte sich 2016 an seiner Mietplattform OTTO NOW, welche es Anfang 2021 jedoch wegen mangelnder Nachfrage wieder einstellte. Kund:innen konnten aus knapp 1.700 Produkten aus den Bereichen Technik, Multimedia, Sport, Haushalt und mehr Artikel für einen bestimmten Zeitraum mieten. Grund für das Scheitern ist unter anderem, dass der Großteil der Kund:innen sehr preisorientiert ist. Besonders in der Textilbranche, aber auch bei günstigen Möbeln o. Ä., ist es oftmals günstiger neue Produkte zu kaufen (und später wieder zu verkaufen), anstatt diese zu mieten.6 Zudem spielt in der Kaufpsychologie das Konzept des Eigentums und der exklusiven Nutzung eine wichtige Rolle. Diese Tatsachen hemmen Kund:innen, ein gemietetes Produkt einem gekauften vorzuziehen. Generell ist es wichtig, zu betonen, dass Kreislaufwirtschaft nicht automatisch Nachhaltigkeit bedeutet und leicht als Instrument für Greenwashing missbraucht werden kann. Die Kreislaufwirtschaft ist ein vielversprechendes Konzept für ein nachhaltiges Wirtschaften.Dafür müssen Unternehmen Produkte so gestalten, dass sie in den entsprechenden Kreisläufen genutzt werden und Ressourcen mehrfach eingesetzt werden können. Gesetzgeber:innen müssen weitere Anreize schaffen, um die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft zu fördern und neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Verbraucher:innen können auch einen Beitrag leisten, indem sie aktuelle Produkte hinterfragen und nachhaltigere Alternativen bevorzugen. Um tatsächlich nachhaltige, kreislauffähige Produkte zu erkennen, solltest du an erster Stelle darauf achten, ob Take-back-Systeme bereits vorhanden sind oder nur theoretisch möglich sind. Du kannst versuchen, das Produkt den beiden Kreisläufen zuzuordnen. Wenn du merkst, dass ein Produkt unterschiedlich entsorgt werden muss, jedoch die Kreisläufe untrennbar sind, wie bei einem Garn aus recyceltem Plastik, solltest du aufmerksam werden.


Wenn du mehr über das Thema erfahren möchtest, ist die Website der Ellen McArthur Foundation eine gute Anlaufstelle. Wenn du eine eigene Idee zur Verwirklichung der Kreislaufwirtschaft hast, gibt es in Hamburg und Umgebung gute Anlaufstellen, wie beispielsweise den Startup Port, Fab City oder das Social Change Hub, die dich bei der Umsetzung unterstützen. Ich finde: Es ist wichtig, dass sich alle für eine nachhaltigere Zukunft einsetzen und das Potenzial der Kreislaufwirtschaft in der Wirtschaft, Forschung und Entwicklung, Gesetzgebung und Bildung erkennen und aktiv werden. Wenn nicht jetzt, wann dann?


Glossar

Wertschöpfungsketten: In der Betriebswirtschaftslehre wird der Verlauf von wertsteigernden Aktivitäten verschiedener Unternehmen bis hin zum finalen Produkt als Wertschöpfungskette bezeichnet.


EU Circular Economy Action Plan: 2019 verabschiedet, zielt der EU Circular Economy Action Plan darauf ab, den ökologischen Fußabdruck der EU zu verringern, den Anteil der Kreislaufmaterialien in den kommenden zehn Jahren zu verdoppeln und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum zu steigern.


Cradle-to-Cradle: Hinter dem Konzept stckt die Idee, in Kreisläufen zu denken. Produkte werden von Anfang an so gestaltet, dass alle Materialien und Inhaltsstoffe nach Gebrauch wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können.


Primärmaterialverbrauch: Damit ist die Nutzung von Rohstoffen gemeint, die neu hergestellt wurden. Materialien, die bereits einmal genutzt wurden, werden als Sekundärmaterial bezeichnet.


Take-back-Systeme: Rücknahmesysteme von Produkten, meistens gegen ein Pfand. Beispielsweise der Pfandautomat oder ein Pfand auf Becher bei Veranstaltungen oder in Cafés.


Rückwärtslogistik: Dieser Berreich umfasst Aufgaben wie Sammlung, Sortierung, Transport und Lagerung von (Alt-)Produkten, Bauteilen oder Stoffen, um diese zurückgewinnen und wiederverwenden zu können.


Servitization: Produzierende Unternehmen ändern ihr Angebot weg von Sachgütern hin zu einer Kombination aus Dienstleistungen und Sachgütern. Zum Beispiel produziert ein Unternehmen nicht mehr nur Autos, sondern bietet diese auch zum Carsharing an.


Subscription-Modelle: Hier steht das Abonnieren im Mittelpunkt. Statt ein Produkt oder eine Dienstleistung vollumfassend zu einem einmaligen Preis zu erwerben, wird es monatlich „gemietet“. Übrigens kann man auch GENZ kostenlos abonnieren!


Greenwashing: Der Versuch von Organisationen, sich durch Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen ein nachhaltiges und „grünes“ Image zu verschaffen, ohne es tatsächlich im normalen Geschäft systematisch umzusetzen.

Quellen

(1) Chen, L., Hung, P. u. Ma, H., 2020: Integrating circular business models and development tools in the circular economy transition process: A firm‐level framework, in: Business Strategy and the Environment, JG. 29, Nr. 5, S. 1887–1898.

(2) European Commission, 2020: Changing how we produce and consume: New Circular Economy Action Plan shows the way to a climate-neutral, competitive economy of empowered consumers, online ec.europa.eu [09.06.2023].

(3) Reike, D., Vermeulen, W. J. V. u. Witjes, S., 2018: The circular economy: New or Refurbished as CE 3.0?, Bd. 153.

(4) Kulatunga, A. u. a., 2015: Sustainable Manufacturing based Decision Support Model for Product Design and Development Process. Procedia CIRP, Bd. 26.

(5) Neuhold, M., 2022: Warum Circular Economy die klassische Logistik transformiert, online ey.com [09.06.2023].

(6) Bodenheimer, M. u. a., 2022: Wear2Share: Innovative Kreislaufgeschäftsmodelle in der Textilwirtschaft, Abschlussbericht, Fraunhofer ISI.






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