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Fachkräftemangel - wie wollen wir leben und wovon?



Die Zukunft der Arbeitswelt steht auf dem Kopf und scheint überall sehr präsent: Es gibt aktuell ein deutlich größeres Angebot an offenen Stellen als eine Nachfrage nach den gesuchten Jobprofilen. In den Medien handelt gefühlt jeder zehnte Artikel vom sogenannten Fachkräftemangel, und auch im persönlichen Umfeld wird über die Vision von Arbeit und die eigenen Ansprüche an diese philosophiert. Auch Politik und Wirtschaft machen sich erste Gedanken über Lösungsstrategien.

Hamburg sucht Arbeitskräfte – eine Sammlung von Gründen

Der Personalmangel hat auch Hamburg erreicht: Es gibt viele freie Stellen, Unternehmen suchen nach geeigneten Fachkräften und überall lassen sich Aushänge à la „Wir suchen Dich!“ finden. Das betrifft auch nicht mehr nur saisonaktuell den Freizeitbereich wie Schwimmbäder und Gastronomie, sondern auch Handwerksberufe wie Bauelektrik oder Klimatechnik, den IT- und den Sozial- und Gesundheitsbereich.


Warum fehlen so viele Arbeitskräfte?


Ob die Corona-Pandemie, der Klimawandel, die Inflation oder der Krieg in der Ukraine: Es gibt Unsicherheiten, die das eigene Sicherheitsgefühl bei vielen auf den Kopf stellen. Das hat sicherlich auch Auswirkungen auf die Berufswahl – es verschiebt die Prioritäten des eigenen Lebens. „Die dichte Aufeinanderfolge von tief in das Leben eingreifenden Krisen setzt der Jugend zu. Nach zwei Jahren Einschränkungen ihres privaten und schulisch-beruflichen Alltags durch die Pandemie sind viele von ihnen psychisch angespannt“, betont auch der Sozial- und Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann (GENZ hat ein Interview mit ihm geführt! Mehr auf Seite 26) in Bezug auf die Trendstudie „Jugend in Deutschland – Sommer 2022“. „Die Bedrohung durch einen Krieg in Europa drückt als eine weitere schwere emotionale Last auf ihre Stimmung. Viele machen sich große Sorgen um ihre berufliche, finanzielle und wirtschaftliche Zukunft.“(1)


Neben der Unsicherheit, spielt auch der demografische Wandel eine zentrale Rolle, der dazu führt, dass mehr Menschen in Rente gehen, als auf den Arbeitsmarkt nachrücken. Dazu kommt eine stärkere Verschiebung von Ausbildungs- zu Akademiker*innenberufen, was Auswirkungen auf einige Berufsgruppen hat: In den 1990er Jahren haben noch mehr als doppelt so viele junge Menschen eine Ausbildung aufgenommen, heute sind es fast so viele Studienanfänger*innen wie Auszubildende. Die Zahl der Abiturient*innen ist deutlich angestiegen und immer mehr junge Menschen sehen in einer höheren Berufsqualifizierung ihre Perspektive. Außerdem spielt auch die Abwanderung von Fachkräften in der aktuellen Situation mit eine Rolle: Menschen finden woanders, vielleicht sogar im Ausland, bessere Arbeit zu besseren Konditionen. Auch die Pandemie hat dazu beigetragen, dass die Arbeitswelt flexibler geworden ist: Viele Unternehmen setzen mittlerweile verstärkt auf Remote-Verträge. Eine Fachkraft kann beispielsweise digital für ein Start-up in München arbeiten und trotzdem in Hamburg wohnen bleiben.


Überall fehlen Arbeitskräfte und bei denen, die potenziell auf einen Job warten, passt dann vielleicht auch noch das Angebot nicht mit den Wünschen zusammen. Eine schwierige Situation: Wie geht es weiter, wenn es in Hamburg immer weniger Arbeitskräfte gibt, die sich auf Jobs bewerben und so viele Stellen unbesetzt bleiben? Welche Faktoren spielen bei der Wahl des Standortes für Wohnen und Arbeiten eine Rolle?


Hamburg schafft Lösungen: für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Lebensqualität


Die Handelskammer Hamburg bezieht sich auf Prognosen des Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR und geht von ca. 133.000 fehlenden Fachkräften in Hamburger Unternehmen bis zum Jahr 2035 aus.(2) Dies bewegt die Handelskammer Hamburg, sich mit der Entwicklung auseinanderzusetzen. Es gibt viele Ansätze, die aktuell ausprobiert werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und den Personalmangel in Unternehmen auszugleichen.

Jetzt hat sich die Handelskammer Hamburg auf die Agenda gesetzt, gemeinsam mit ihren Mitgliedern eine Handlungsstrategie zu entwickeln, um die Wettbewerbsfähigkeit und die Lebensqualität Hamburgs zu sichern. „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird zum echten Risiko für viele Betriebe. Wenn wir nicht heute gegensteuern, werden wir eine Fachkräftekatastrophe erleben“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, Dr. Malte Heyne.(3)

Hamburg 2040 – Wie wollen wir künftig leben und wovon?


Die Handelskammer Hamburg stellt sich gemeinsam mit ihren 170.000 Mitgliedern den Herausforderungen der aktuellen Situation und hat als Reaktion auf eine sich stark verändernde Struktur in Wirtschaft und Gesellschaft den Standortstrategieprozess „Hamburg 2040“ gestartet. Der Prozess setzt grundlegend an und berücksichtigt dabei viele Faktoren wie Lebensqualität oder Mobilität, die letzten Endes auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken sollen. „Hamburg kann und muss im Verbund mit ganz Norddeutschland wachsen, nachhaltiger und dynamischer werden, um seine Wettbewerbsfähigkeit und Lebensqualität zu erhalten und auszubauen. Das ist die Grundlage, um mehr Innovationen zu ermöglichen, Fachkräfte auszubilden und anzusiedeln, die Mobilität und Infrastruktur nachhaltig zu entwickeln und letztendlich die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und die Metropole lebenswert zu gestalten“,(4) heißt es im Vorwort des Eckpunktepapiers.


Schon zu Beginn des Prozesses wird deutlich: wenn es um wirtschaftliche Veränderung geht, um ein Suchen nach Lösungen für den Fachkräftemangel, spielen viele weitere Fragen mit rein. Wie kann die Stadt Hamburg so attraktiv sein, dass mehr Menschen kommen als gehen? Und wie gut ist Hamburg auf die Zukunft vorbereitet? Auf elf Seiten stellt die Handelskammer erste Ergebnisse der Dialogphase und eine Agenda für die Zukunft Hamburgs vor. „Diese Elemente schaffen eine 360-Grad-Perspektive auf den Wirtschaftsstandort Hamburg, die in einem Zukunftsforum des Plenums und der Ausschussvorsitzenden diskutiert, bewertet und verdichtet wurden. Daraus ist ein erstrebenswertes Zukunftsbild für Hamburg aus dem Blickwinkel der Hamburger Wirtschaft entstanden.“(5)

Der Prozess für Hamburg als zukunftsfähiger Wirtschaftsstandort gliedert sich insgesamt in drei Phasen:


  1. Nach einem ausführlichen Dialog und einer Definition von Inhalten und Zielen in Phase eins, geht es in

  2. Phase zwei darum, mit welchen konkreten Projekten die Handelskammer Hamburg diese Ziele umsetzen kann.

  3. Die letzte Phase wird sich bis 2039 als Phase der Umsetzung und Begleitung der Mitgliedunternehmen gestalten.


Insgesamt werden in diesen Prozess verschiedene Personengruppen wie u. a. nationale und internationale Stakeholder einbezogen, ehrenamtliche engagierte Unternehmer*innen der Handelskammer Hamburg, Studierende, Auszubildende und Wirtschaftsjunior*innen. Auch Bürger*innen, die sich nicht zu diesen Gruppen zählen, können sich niedrigschwellig beteiligen und eigene Ideen zu Fragen wie „Wo kann Hamburg für Ihre Branche besser werden? Welche Veränderungen erwarten Sie für Ihre Branche in den kommenden zwanzig Jahren?“ einreichen. So sollen auch individuelle Gründe und Herausforderungen einen Raum finden. Zusätzlich wird eine Trend-City-Studie beauftragt, die Beispiele und Vorgehensweisen anderer Städte aufzeigt und somit der Handelskammer zur Orientierung dienen können. Als Inspiration dienen Städte wie die 15-Minuten-Stadt Paris, in der alle wichtigen und grundlegenden Anlaufstellen für die Bürger*innen in 15 Minuten sowohl physisch als auch digital erreichbar sein sollen, oder Cork (Irland) als „City of Learning“ in Bezug auf Lebenslanges Lernen und Projekte, wie die „Learning Neighbourhoods“, die durch Bildung und Förderung bestmöglich alle optimal auf die Arbeitswelt vorbereiten sollen.


Nach den Befragungen in Phase eins sowie einer OECD-Studie von 2019 (6) scheint deutlich: Hamburg fehlt es an innovativen Ideen und Mut zur Veränderung in sämtlichen Bereichen. Deshalb ist das Ziel des Prozesses, Hamburg so zu entwickeln und zu gestalten, dass Tourist*innen, Investor*innen, Fachkräfte und Unternehmen von Hamburg als attraktiven Standort angezogen werden und mit innovativen Ideen in die Stadt kommen.


Nach Abschluss der ersten Phase stehen Schwerpunktthemen und ein umfassendes Zukunftsbild mit Leitilinien für Hamburg fest. Das ist ein erster wichtiger Meilenstein. Es bleibt spannend, denn der Prozess geht nun in Phase zwei über. Jetzt geht es darum, dass die Handelskammer konkret beginnt, in Form von Projekten zu handeln. Ziel ist, während der Umsetzung in Phase drei als Partner zum Austausch für ihre Mitgliedsunternehmen zur Verfügung zu stehen und bei der Transformation als „Standortmanager“ zu unterstützen. Deutlich zeigt der breit angelegte Strategieprozess, der Dialog und das Zuhören, wie stark die unterschiedlichen Aspekte für einen attraktiven Standort miteinander verbunden sind und wiederum Auswirkungen auf den Personalmangel haben können. Nicht bedacht sind in dieser Analyse die vielen persönlichen Gründe, die teilweise durch die Corona-Pandemie noch stärker in den Fokus rückten, wie beispielsweise Klimaaspekte und die eigene Gesundheit und damit einhergehend mehr Remote-Verträge und weniger Menschen, die Pendeln, emotionale Unsicherheiten oder finanzielle Veränderungen, die ein Leben in der Stadt unbezahlbar machen und somit zusätzlich eine Rolle spielen.

Fakt ist, dass viele Tausend Arbeitskräfte fehlen und die Hamburger Handelskammer mit einer ersten umfassenden Strategie versucht, nach langfristigen Lösungen zu suchen und die Unternehmen bei nachhaltigen strukturellen Veränderungen zu begleiten. Es ist deutlich geworden, dass man den Fachkräftemangel nicht losgelöst von anderen Themen wie Mobilität, Bildung, Gesundheitsversorgung und ökologischen Aspekten betrachten kann, denn all diese Dinge spielen bei der Wahl des Arbeitsortes eine wichtige Rolle. Deshalb wird sich Hamburg die Frage immer und immer wieder neu stellen müssen: „Wie wollen wir künftig leben – und wovon?“


Quellen

(1) Hurrlemann, K., 2022: Generation Dauerkrise? Neue Trendstudie Jugend in Deutschland veröffentlicht, online hertie-school.org [16.11.2022].


(2) Business-on, 2022: Prognose: Fachkräftemangel in Hamburg wird höher als erwartet, online business-on.de [16.11.2022].


(3, 4, 5) Handelskammer Hamburg, 2020: Hamburg 2040, Handelskammer Hamburg.


(6) OECD, 2019: Berichte zur Regionalentwicklung: Metropolregion Hamburg, Deutschland, OECD Publishing, Paris.





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