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Schutz & Schirm für obdachlose Menschen in Hamburg

Besonders in der kalten Jahreszeit sehen sich viele obdachlose Personen in Hamburg mit den harten Lebensbedingungen konfrontiert. Die Handwerkerinitiative „Wagenheim” setzt sich dafür ein, temporären Wohnraum für Bedürftige zu schaffen – in Form eines gemeinschaftlichen Projekts.


Wer an einem Freitagabend über Hamburgs Reeperbahn schlendert, ist von lauten Bässen und blinkenden Hauseingängen umgeben. Das große Angebot an Bars und Clubs und das enge Treiben auf den Straßen tauchen die Partymeile in ein Licht von durch Konsum geprägte Ausgelassenheit. Guckt man jedoch genauer hin, entdeckt man unter den tummelnden Menschenmassen in etwas abgelegenen Ecken viele müde Gesichter von Personen, die sich in ihren Schlafsäcken eingewickelt durch die Nacht kämpfen und dabei ganz andere Sorgen haben als den nächsten Clubbesuch oder das vierte Bier.


Die Reeperbahn ist der Ort in Hamburg, an dem das Ausmaß der gesellschaftlichen Extreme zwischen Arm und Reich in der Stadt wohl am deutlichsten auffällt. Unter denjenigen, die unter dem Existenzminimum leben, befinden sich viele Personen, die ohne ein Dach über dem Kopf auskommen müssen. Die Mehrheit der obdachlosen Menschen in der tenzminimum leben, befinden sich viele Personen, die ohne ein Dach über dem Kopf auskommen müssen. Die Mehrheit der obdachlosen Menschen in der Großstadt hält sich oftmals eher an verdeckten Orten auf, um möglichst wenig aufzufallen und Gefahren aus dem Weg zu gehen. Unter anderem dieses unscheinbare Verhalten macht es im Alltag schwer, die hohe Dimension der Obdachlosigkeit in Hamburg zu begreifen; die Großstadt übertrifft nach der offiziellen Wohnungslosenstatistik des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2023 mit einer Obdachlosenquote von 1659 Personen pro 100.000 Einwohnern den Bundesdurchschnitt knapp um das Vierfache.1 Darunter sind nur diejenigen wohnungslosen Menschen aufgezählt, die in Hilfsunterkünften untergebracht wurden – die Zahl der auf der Straße lebenden Obdachlosen ist nicht erfasst. Besonders diese haben jedoch am meisten mit akuten Problemen zu kämpfen.


„Eines der wichtigsten Bedürfnisse von Obdachlosen ist die Suche nach einer vernünftigen Schlafmöglichkeit. Besonders in der kalten Jahreszeit, bei Regen oder auch bei großer Hitze kommt dazu auch noch die Suche nach geschützten Räumen. Die Themen Ernährung und Hygiene werden in der Obdachlosigkeit bereits häufig notgedrungen vernachlässigt", berichtet Volker. Der Tischler hat einige Zeit selbst auf der Straße in einem Bauwagen gelebt und setzt sich nun für Projekte zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit in Hamburg ein. Dazu zählt auch das Handwerkerkollektiv „Initiative Wagenheim“, das mit Unterstützung des Sozial- und Kulturverein „MOTTE e. V.“ sowie einer handwerklich ausgerichteten Schulklasse genau diesen dringlichen Problemen vieler Obdachloser entgegenwirken möchte. Einer der Initiatoren des Projekts ist Wieland, der unter anderem durch Lebensmittelrettungsaktionen mit und zugunsten von obdachlosen Menschen bereits Erfahrungen in der Organisation solcher Projekte gesammelt hat: „Wir haben uns überlegt, wie wir als Handwerkerkollektiv der sichtbar immer größer werdenden Not entgegenwirken können. Ähnlich wie Projekte aus anderen Großstädten möchten wir mobile Notunterkünfte bauen, die ein Mindestmaß an Schutz vor dem Wetter bieten, ein wenig Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeit gewährleisten und vor allem eine Schlafmöglichkeit bereitstellen. Damit möchten wir zum einem unmittelbar bedürftigen Personen helfen, gleichzeitig aber auch ein Zeichen setzen, um zur Nachahmung anzuregen.“ Die Konstruktion ist nicht als Wohnungsersatz geplant, sondern soll in einem ersten Schritt aus der Obdachlosigkeit helfen. Ausgestattet mit einem Bett für ein bis zwei Personen, Stauraum, einem Tisch, einer Campingtoilette, Utensilien zum Zubereiten kleiner Mahlzeiten und nach Möglichkeit einer solarbetriebenen Stromquelle werden die Grundbedürfnisse gedeckt.


Die etwa 5 x 2 Meter große Box soll angeschlossen an eine soziale Einrichtung aufgestellt werden, die zum einen Infrastruktur für beispielsweise Hygiene bereitstellt, zum anderen Betreuungsarbeit für Bewohner:innen der Notunterkunft leisten soll. Wer einen solchen temporären Unterschlupf beziehen darf, sei mithilfe der Expertise von Sozialarbeiter:innen und anderen Sachkundigen zu bestimmen.


Initiator Wieland verfolgt mit dem Projekt einen sehr gemeinschaftlichen Ansatz: „Wir wollen mit dem Projekt nicht nur konkrete Hilfe zur Selbsthilfe initiieren. Wagenheim ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem zusammen mit allen Beteiligten etwas Erlebbares, Sinnvolles geschaffen werden soll. Wir müssen wieder lernen, uns umeinander zu kümmern, Verantwortung und nachbarschaftliche Fürsorge zu übernehmen!“ Obwohl die Initiative Stand Oktober 2023 bereits ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut hat, sind der Durchführung des Projekts immer wieder Hürden in den Weg gestellt; anders als in anderen Großstädten dulde die Stadtverwaltung von Hamburg nicht das Aufstellen der transportablen Bauwerke, weshalb vor allem rechtliche Fragen im Vordergrund stünden, erklärt Wieland. Das erste „Wagenheim“-Modell wurde bereits mit Schüler:innen angefertigt und weitere Schritte für 2024 sind geplant.

 

Illustrationen: Yvonne Krol

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