Unser Leben am Überfluss

Aktualisiert: 18. Juni

Laut der Verbraucherzentrale werden in Deutschland jährlich 12 Millionen Tonnen an Lebensmitteln verschwendet. Das macht ungefähr ein Drittel des gesamten Nahrungsmittelverbrauchs aus. Der 2. Mai ist seit 2016 ein symbolisches und zugleich denkwürdiges Datum als „Tag der Lebensmittelverschwendung“. 122 Tage des Jahres sind bis dahin vergangen und alle Lebensmittel, die bis zu diesem Zeitpunkt produziert wurden, sind, bildlich gesprochen, auf dem Müll gelandet.


Lass uns mit einem kleinen Gedankenspiel beginnen: Stelle dir vor, irgendwo zwischen Stadtparksee, Alster und Elbe machst du deinen Wocheneinkauf im Supermarkt deiner Wahl. Du steuerst die Frischetheke an und läufst zielstrebig in die Gemüseabteilung. „3 zum Preis von 2!“ blitzt dir das auf Augenhöhe drapierte Schild schon entgegen. So viele Gurken kann zwar kein Single-Haushalt vertilgen, aber was solls: Dieses Angebot kann unmöglich ausgeschlagen werden. Es folgt der Scanner-Modus. Eine Delle da, eine Krümmung hier, das Mindesthaltbarkeitsdatum liegt noch in ferner Zukunft. Nach einigen geübten Griffen und Blicken landen die vermeintlich perfektesten Errungenschaften des Tagessortiments im Einkaufskorb. Könnte man hier eigentlich schon von „Veggie-Shaming“ sprechen? Die Auslese startet bereits in der Landwirtschaft. Weichen Form, Größe oder Farbe von den Anforderungen ab, landen sie nicht in den Verkaufsregalen. Zeitgleich führt der Anspruch an die permanente Verfügbarkeit von frischem Obst oder Gemüse dazu, dass Lebensmittel überproduziert und dennoch oft frühzeitig aussortiert werden, sobald

dieser Frischeanspruch nicht mehr erfüllt werden kann. Haben Obst, Gemüse und Co. es dann doch in unsere Kühlschränke geschafft, werden davon jährlich über 55 Kilogramm von dir, mir und jeder anderen Person in Deutschland weggeworfen. Umgerechnet macht diese Menge an Lebensmitteln übrigens ca. 1.375 Brötchen pro Kopf aus. Die Wegwerffallen lauern dabei an jeder Ecke, ganz unabhängig davon, ob sich gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse (34 %) im Kühlschrank tummeln oder die Grundernährung aus Brot- und Backwaren (14 %) besteht. Dies wirkt sich nicht nur auf den eigenen Geldbeutel, sondern auch auf die Umwelt aus. Relevante Ressourcen wie Wasser, Energie und Ackerflächen werden für die Produktion von Nahrungsmitteln genutzt, die schlussendlich im Mülleimer landen und ihren negativen Beitrag zum Klimawandel leisten. Container-Aktionismus und Reportagen zeigen dabei insbesondere, welchen Einfluss Supermärkte und Industrie auf diese Zahlen haben. Doch ein Großteil dieser vermeidbaren Vergeudung entsteht an einer ganz anderen Stelle der Lebensmittelkette: nämlich bei uns, den Endverbrauchern.


Essen als Selbstverständlichkeit

Doch fangen wir bei der Basis an: Nahrungsaufnahme gehört zu unseren Grundbedürfnissen. Im Jahr 1943 ordnete Abraham Maslow dieses Bedürfnis als die unterste und gleichzeitig grundlegendste von fünf Ebenen in seine Bedürfnispyramide ein. Essen ist überlebenswichtig und in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Dies war gewiss nicht immer so, wird uns von Zeit zu Zeit durch Geschichten der Großeltern für einen ganz kurzen Moment ins Gedächtnis gerufen. Doch die Welt hat sich verändert. Obwohl theoretisch genügend Nahrungsmittel verfügbar wären, um jeden Menschen zu sättigen, hungert noch heute jeder zehnte Mensch (ca. 821 Mio.) auf der Welt. Da stellt sich zu Recht die Frage: Wieso werfen wir oftmals, ohne mit der Wimper zu zucken, so viele Lebensmittel weg? Die Realität der meisten von uns kennt keine Knappheit, wie sie in anderen Teilen der Erde vorherrscht. Die permanente Verfügbarkeit und Überproduktion einerseits und das Unwissen über Herkunft und Produktion der Lebensmittel andererseits führten mit großer Wahrscheinlichkeit dazu, dass die Wertschätzung wertvoller Ressourcen irgendwo auf dem Weg verloren gegangen ist, während die Wegwerfkultur sich mehr und mehr verbreitet hat. Doch muss das wirklich sein, oder können wir das auch anders?


Mein Beitrag. Dein Beitrag. Unser Beitrag.

Ich würde behaupten: Jede*r kann und sollte einen ganz persönlichen Beitrag leisten, um vermeidbares Wegwerfen zu mindern und Lebensmittel zu retten. Dabei geht es in allererster Linie darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was man eigentlich mit dem vermeintlich kleinen Tritt auf das Mülleimer-Fußpedal und dem gezielten Wurf ins Restmüllfach bewirkt. Auch die deutsche Politik hat sich ein Ziel gesteckt: Lebensmittelverluste bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren. Mit der bundesweiten Strategie unter dem Slogan „Zu gut für die Tonne!“ setzt sich das Bundesministerium für Ernährung für einen nachhaltigeren Umgang mit Lebensmitteln ein. Auch Hamburg macht hier mit!



GOOD TO KNOW:


Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht gleich Verfallsdatum Eine der größten Verschwendungsfallen unserer Gesellschaft hängt mit dem akribischen Vertrauen in das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) zusammen, welches oftmals falsch verstanden wird. Das mag an der Angst vor Verderblichkeit, dem Wort an sich oder schlicht an Fehlinformationen liegen. Fakt ist: Das MHD geht lieber auf Nummer sicher, was die Verbraucher*innen schützen soll, aber zeitgleich ist es ein Richtwert, der beim Übertreten voreilig mit Ungenießbarkeit gleichgesetzt wird. Deswegen gilt hier die Faustregel: Probieren geht über verlieren.


Bedarfsgerecht einkaufen

Bereits einen Schritt zuvor beginnt der bewusste Umgang mit Lebensmitteln – nämlich im Supermarkt. Wir kaufen häufig zu viel ein, doch mit ein wenig Planung kann schon hier mit der Rettung von Lebensmitteln begonnen werden. Ein Blick in den Vorrats- und Kühlschrank kann schon vor dem Supermarktbesuch helfen, nur die nötigsten Dinge einzukaufen. Lege dir eine Liste deiner Grundausstattung an und investiere ein wenig Zeit in einen bewussten Einkauf. Und noch ein kleiner Tipp: Nicht mit knurrendem Magen einkaufen gehen, denn hier lauert die „Gerade könnte ich alles essen“-Falle.

Frisch halten, statt Sorgenfalten „Ach, Äpfel lagert man am besten im Kühlschrank? Und den Salat kann ich wie eine Blume in ein Wasserglas stellen?“ - Viele Tricks sind so einfach und doch kaum bekannt. Die richtige Lagerung ist die halbe Miete, wenn es um den Erhalt von Lebensmitteln geht. Außerdem lässt sich viel mehr einfrieren als vielen bekannt ist: Neben dem frisch Gekochten lassen sich auch Brot, Butter, Fleisch, Teig, frische Kräuter, Pilze oder auch Nüsse, Käse und süße Sahne über Monate einfrieren.

„Könnt ihr das einpacken?“ Ich gehöre oft zu denen, die mit Bärenhunger ins Restaurant kommen und ab der Hälfte schon im Food-Koma liegen. Manchmal bleibt nur noch der Dip oder ein kaum noch sättigender Rest Nudeln übrig. Trotzdem: Die vier kleinen Worte „Könnt ihr das einpacken?“ können große Wirkung haben. Um auf die Plastik-Wegwerfvariante zu verzichten, lohnt es sich, eine leere Dose und das Besteckset to go mitzunehmen, um jederzeit gewappnet zu sein. Ungewohnt? Im ersten Moment ganz bestimmt, aber versuche es einfach, denn: Was gibt es Besseres, als mit den Leftovers vom Vortag und einem guten Gewissen die Mittagspause zu verbringen?

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