Alles anders im Freundeskreis?

Aktualisiert: 16. Mai

für dich geschrieben von Lilli Hildebrandt | GENZ Ausgabe 1 | 2021

 

Hamburg. Ein nasskalter Donnerstag, die Sonne ist längst untergegangen. Auf den Gleisen rattern die Züge. Der Berufsverkehr ist vorbei, nur noch ein paar einsame Passanten stehen an den Bahnsteigen. Ein betrunkener Mann sitzt auf den Bänken und telefoniert laut. Er lallt. Lydia hat die Hände tief in den Taschen vergraben. Sie will dem Betrunkenen kein Stück näher kommen. Jedoch läuft eine Gruppe junger Männer, die schon aus der Entfernung gaffen und grölen, auf ihrer anderen Seite die Treppe hinunter auf sie zu. Quietschend fährt die S-Bahn ein.


Lydia hat den Kopf an das kühle Fenster gelehnt und blickt auf den Hafen, der nachts so schön leuchtet. Zwei Männer setzen sich ihr gegenüber hin und breiten die Beine aus. Die Knie des einen Mannes in Anzug und Krawatte berühren Lydias. Sie zuckt zurück, doch die Augen des Mannes ruhen auf ihrem Gesicht. Er bewegt sich kein Stück und grinst. Beim nächsten Halt wechselt Lydia das Abteil.


Nur noch ein paar Hundert Meter von der Haltestelle. Es ist dunkel und die Schatten tanzen unheimlich. Zügigen Schrittes läuft Lydia den Weg entlang. Alle paar Meter dreht sie sich panisch um. Ihr Atem geht schnell und unregelmäßig. Sie hat Angst, aber will es nicht zeigen. Will sich nicht angreifbar machen. In ihren Jackentaschen umklammert sie ein Pfefferspray und einen Schlüsselanhänger, der schrill kreischt, wenn man die silberne Halterung löst.


Als Lydia ankommt, ist die Angst wie weggeflogen. Wenn sie mit ihren Freund*innen zusammen ist, ist alles irgendwie anders. Es ist, als ob eine Schicht Farbe das eben aus der Bahn übermalt hat. Jetzt fühlt es sich fast albern an, wie sie den Weg hierhin nahezu gerannt ist - Malik feiert seinen Geburtstag. Nicht groß, vielleicht zu fünfzehnt, stoßen sie auf ihn an.


Der Abend beginnt mit Smalltalk, Bier, Jokes und Scherzen... „ist doch nur `n Witz“, sagt Finn und legt seine Hand auf Lydias Bein. Während im anderen Rahmen klare Grenzen herrschen, verschwimmen diese im engeren Freundes- und Familienkreis. Das kann wunderbar aufregend sein - aber eben auch gefährlich. Weil Dinge nicht ernst genommen, ironisch gesagt, aber nicht so verstanden werden und am Ende niemand laut werden, die Stimmung killen oder den Spaß verderben will.


Zunächst kann Lydia kaum fassen, dass Per seinen Arm so dicht um ihren Körper schlingt, obwohl er damals auf dem Kiez vor ein paar Wochen dabei war. Er weiß, dass ihr seitdem so enger Körperkontakt unangenehm ist, doch fast gewaltsam presst er seine Haut auf ihre. Lydia weicht aus. Er beachtet sie kaum.


Am Palettentisch in Maliks WG-Zimmer ist kein Platz für Kritik am Verhalten innerhalb der Gruppe.


In der Küche türmen sich leere Bierflaschen und Gläser, Nala steht am Fenster und raucht. „Alles okay?“ Abgekämpft lehnt sich Lydia gegen die Küchenzeile. „Per hat mir gerade voll an den Po und an die Taille gegriffen und es war mir viel zu nah, aber keiner hat es gecheckt und er hat so getan, als wäre alles ganz normal.“ Nala nickt: „Ja, Per eben. Fast so schlimm wie Leon, der hat meine Freundin Lola aus Berlin grad auch total genervt, obwohl sie die ganze Zeit meinte, sie will nichts von ihm. Erst als sie einen Freund in Berlin erfunden hat, hat er sie in Ruhe gelassen. Als würde ihr Wort nicht zählen, nur das seines männlichen Mitstreiters. Richtig weird. Jetzt wollte sie los, voll schade.“ Lydia schüttelt den Kopf. Doch überrascht ist sie nicht. Auch ihre Freundin Amira möchte nicht mehr mit zu den Sit-Ins, seit Leon mal nach einer Nacht im Rausch bei ihr gepennt und am nächsten Morgen ein Foto von ihr, schlafend, in einen Gruppenchat geschickt hat. Ein Scherz!


Das Fehlverhalten wird toleriert. Leon ist der lustige Typ, ein Aufreißer eben. Hinterfragt wird nicht, sondern reproduziert: Fotos, Kommentare, Challenges und Screenshots. Von Heba, die ein Kopftuch und lange, weite Kleidung trägt, von Elmo, der früher mal Emma hieß, von Kaya, die seit Jahren offen lesbisch ist. Selbst von Nala gibt es im Chat ein Foto in Unterwäsche.


Meistens fängt es im Witz an. „Pass auf, sonst haben wir hier gleich wieder metoo oder so.“ Die Jungs haben früher mal eine Liste geschrieben, in der sie die Mädchen auf einer Skala von Eins bis Zehn bewertet haben - rein äußerlich, natürlich. Als wäre das nicht traurig genug, machen sie damit heute weiter.


Nala: „Darf ich Lola aus Berlin mitbringen?“

Leon: „1 bis 10?“ - Ein Spaß, versteht sich.


Ben, stolzer Philosophiestudent und Mische in der Hand, kommt dazu, möchte es genauer wissen: „Ich will das ja wirklich verstehen, Feminismus und so, das Ding ist nur: Die Frauen wollen Respekt und ernst genommen werden und dann wollen sie plötzlich, dass man sie im Bett würgt. Das macht doch keinen Sinn!“ Aber Lydia ist zu müde dafür. Müde vom Erklären, immer wieder das Gleiche erklären. Erschöpft von Belästigung, von Bodyshaming und von der Beraubung ihrer sexuellen Selbstbestimmung.

Tired of the patriarchy.


Plottwist: Ich bin Lydia.

Und du vielleicht auch?

Wir.



 

good to know


Mädchenhaus (Schutz vor Gewalt für Mädchen von 13 bis 17 Jahren): 040-428 15 32 17


Notruf der Hamburger Frauenhäuser: 040-8000 4 1000 oder per E-Mail: schutz@24-7-frauenhauser-hh.de


Basis-Praevent (Beratung bei sexueller Gewalt gegen Jungen und junge Männer):

040-398 426 62 Hilfetelefon sexueller Missbrauch (auch bei Anmache im Netz, Cybermobbing und Sexting): 0800-22 555 30 oder via www.save-me-online.de


Heimwegtelefon (telef. Begleitung auf dem Heimweg): 030-120 74 182


Consent

Einverständnis (engl. “consent”) muss zu sämtlichen sexuellen Aktivitäten, über die vorher klar informiert wurde, zu jeder Zeit ohne Zwang gegeben werden sowie deutlich und spezifisch ausgedrückt und widerrufbar sein. Sexuelle Aktivitäten ohne ein solches Einverständnis sind Übergriffe oder Vergewaltigungen.


Bodyshaming

Bodyshaming meint Demütigungen und Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres individuellen Körpers und Erscheinungsbildes. Diese Art von Mobbing kann viele - auch unbewusste - Formen annehmen und richtet sich häufig gegen Abweichungen von einem gängigen Schönheitsideal



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