Worüber an Schulen zu wenig gesprochen wird

„A sickness that cannot be allowed to continue!“, wetterte Trump im September 2020 auf Twitter. Seine Empörung richtete sich gegen ein neues Thema in den amerikanischen Lehrplänen: die Auseinandersetzung mit der Sklavereigeschichte in den USA. Als Reaktion darauf entwickelten immer mehr (republikanisch geprägte) US-Staaten Gesetzesentwürfe, die es Lehrer*innen massiv erschweren oder sogar verbieten sollten, die Kolonialgeschichte der USA und Rassismus zum Thema ihres Unterrichts zu machen. Im Bundesstaat Florida wurde bspw. im Februar 2022 der Gesetzesentwurf „House Bill 7“ verabschiedet, welcher untersagt, Inhalte an staatlichen Schulen zu unterrichten, die bei Schüler*innen aufgrund ihrer Hautfarbe zu Unbehagen führen könnten. Außerdem schreibt er vor, dass Lehrpläne nicht implizieren dürfen, dass eine Person von Natur aus rassistisch ist und dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe nicht für die Vergangenheit verantwortlich gemacht werden dürfen. Das Gesetz führt damit zu einer massiven Einschränkung des Unterrichts über Rassismus und Teile der US-Geschichte, wie die Sklavereigeschichte oder die Bürgerrechtsbewegung. Denn - so die Argumentation - der Unterricht könnte bei weißen Schüler*innen aufgrund der Taten ihrer Vorfahren, den Gründungsvätern der USA, zu Schuldgefühlen führen.


Aber wie wird an deutschen Schulen eigentlich über Rassismus gesprochen? Was sehen die Hamburger Lehrpläne der unterschiedlichen Schulformen zum Thema Rassismus vor? Welche anderen Medien geben Hinweise zum Umgang mit Rassismus an Schulen und wie viel wird darüber tatsächlich gesprochen?

Nach den Lehrplänen der Hamburger Grundschulen sollen sich die Schüler*innen mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus auseinandersetzen und dagegen vorgehen können. Die Lehrpläne der Stadtteilschulen weisen in verschiedenen Fächern auf die Auseinandersetzung mit Rassismus hin: So sollen die Schüler*innen etwa im Fach Religion erlernen, mit Fehl- und Vorurteilen umzugehen, und die Auseinandersetzung im Unterrichtsfach Kunst mit „dem Fremden“ soll dabei helfen, mögliche Vorurteile zu überwinden. Zudem soll die Fähigkeit erlernt werden, kulturelle Unterschiede wahrzunehmen und sich mit (Alltags-)Rassismus auseinanderzusetzen. Die Bildungspläne der Sekundarstufe I und II des Gymnasiums schreiben die Beschäftigung mit „Vorurteile[n], Stereotypen und Bilder[n] - Rassismus und Diskriminierung“ vor, sowie den Erwerb der Fähigkeit, auf (Alltags-)Rassismus angemessen reagieren zu können.


Bei genauerer Betrachtung und unabhängig vom Schultyp ruft vor allem das Fach Religion zur Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Diskriminierung auf. Abgesehen davon, erwähnen die Bildungspläne jeweils unter dem Stichwort „interkulturelle Erziehung“ das Projekt „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“. In den anderen Fächern sind zwar einzelne Ansätze und Vorschläge zum Umgang mit Rassismus enthalten - konkreter wird es allerdings nirgends.

Doch sollte man sich nicht gerade in Fächern wie Geschichte, Deutsch und Biologie damit auseinandersetzen, um das Bewusstsein für die Allgegenwärtigkeit von Rassismus zu stärken? Erst dann, wenn man Immanuel Kant nicht mehr allein mit der Aufklärung verbindet, sondern sich auch mit seinen rassistischen Aussagen beschäftigt, wenn man die Forschung von Robert Koch im kritischen Kontext sieht, und im Unterricht nicht nur Kafka, sondern auch Bücher wie „exit Racism“ von Tupoka Ogette liest, erhält man doch ein Gespür dafür, in welchem Ausmaß unser ganzes Wissen mit Rassismus verknüpft ist.


Möglicherweise geben Schulbücher mehr Aufschluss über den Umgang mit Rassismus im Unterricht. In einem Beschluss der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2015 sollen die Schulen „Bildungsmedien im Hinblick auf eine angemessene, diskriminierungsfreie und rassismuskritische Berücksichtigung der vielschichtigen, auch herkunftsbezogenen Heterogenität von Schülerinnen und Schülern [prüfen]“. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Darstellungen von People of Color (PoC) in Schulbüchern gehen oft mit rassistischen Bewertungen einher: Sie werden als „Fremde“ oder „Andere“ diffamiert, während weiße Schüler*innen als Teil der Mehrheit einer vermeintlich homogenen Kultur beschrieben werden. Dadurch entsteht ein fremdenfeindliches Bild, indem weiße Schüler*innen als „normal“ gelten und den People of Color gegenüberstehen, welche scheinbar einen „Fremdkörper“ in der Gesellschaft markieren. Reproduziert wird ein solches Konstrukt beispielsweise in dem Arbeitsheft „Richtig Deutsch 3. Merk-und Arbeitsblätter für die Mittelstufe“ für das Fach Deutsch, welches ein Bild enthält, auf dem 45 weiße Kinder zu sehen sind und lediglich eine Person of Color. Für Aufregung sorgte 2013 auch das Geographie-Lehrbuch „Diercke Geographie 8“ vom Westermann-Verlag, das den Kontinent Afrika in seiner Darstellung lediglich auf eine Opferrolle reduziert und unangemessene Ausdrücke wie „Rasse“ unkommentiert stehen lässt.

Es sind genau jene Konstrukte, die Schüler*innen, die der Mehrheitsgesellschaft angehören, ein Gefühl der Überlegenheit vermitteln. Zwar reagierten Schulbuchverlage auf die Rassismusvorwürfe, indem sie politisch unkorrekte Begriffe ersetzten, inhaltlich bleibt der oft fremdenfeindliche Grundton in den Lehrbüchern aber bestehen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes entwickelte 2015 den „Rassismuskritischen Leitfaden“, der sich mit der rassistischen und einseitigen Darstellung des afrikanischen Kontinents in deutschen Schulbüchern auseinandersetzt. Er macht es zur Aufgabe der einzelnen Schulen, „Persönlichkeiten heranzubilden, die fähig sind, das gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, der Menschenwürde und der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen zu gestalten“. Er fordert die Lehrkräfte auf, die Wissensproduktion und rassistischen Wissenskategorien mehr im Unterricht zu reflektieren. Aber wie wird ein Leitfaden wie dieser überhaupt durchgesetzt?


Die Gewichtung des Themas fällt an den einzelnen Schulen sehr unterschiedlich aus: Während einige Lehrer*innen rassistische Vorfälle noch als Einzelfälle betrachten, handeln andere sogar selbst rassistisch, etwa bei der Benotung, wie eine Studie zeigt (Max vs. Murat). Die Studie „Rassismuskritische Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern“ zeigt, dass es selbst den Lehrkräften, die sich gegen eine solche Diskriminierung einsetzen, schwerfällt, darüber zu sprechen, da sie oft mit dem Thema überfordert sind.


Es bleiben dann noch Projekte wie „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“, die sich bundesweit u.a. mit Workshops für Schüler*innen und Lehrer*innen gegen jegliche Form von Diskriminierung einsetzen. Zusätzlich verteilt die Initiative Zertifikate an Schulen, die sich dazu verpflichten, aktiv Rassismus an ihrer Schule zu bekämpfen. Doch auch hier sollte man sich bewusst sein, dass der Titel eine Aufforderung zur ständigen Auseinandersetzung mit Rassismus ist und der Einsatz nicht mit dem einmaligen Aufbringen der Unterschriften und dem Erhalt der Auszeichnung endet.

So viele gute Ansätze es auch gibt, Rassismus an Schulen zu bekämpfen, es hapert offenbar noch an der Umsetzung. Was bringt ein Leitfaden, wenn er nicht richtig durchgesetzt wird? Wieso gibt es für Lehrkräfte keine verpflichtenden Fortbildungen zum Thema Rassismus? Wie kann es sein, dass Lehrbücher immer noch rassistisches Gedankengut enthalten?

Im März 2022 wurden Entwürfe für neue Bildungspläne der Stadt Hamburg veröffentlicht, die zwar an mehr Stellen als zuvor die Auseinandersetzung mit Rassismus vorschreiben, aber grundsätzlich keinen neuen Schwerpunkt zu dem Thema setzen. Neu ist z. B., dass im Fach Geschichte im Zusammenhang mit der NS-Geschichte das Thema Rassismus erwähnt wird sowie auch im Fach Geographie Sichtbarkeit erhält. Auch unter „Aufgabengebiete“ der Bildungspläne für die Grundschule und für die Studienstufe wird sich deutlich mehr mit Rassismus auseinandergesetzt. Insgesamt liegen aber die Schwerpunkte auf anderen Themen, wie zum Beispiel „Digitalisierung“, „Nachhaltige Entwicklung“, „Wertebildung“ oder auch „Sprachbildung“.


Offensichtlich lässt sich Rassismus nicht allein durch die grundlegende Überarbeitung von Lehrbüchern und Bildungsplänen, Anti-Rassismus-Trainings oder der Einführung staatlich verbindlicher Richtlinien abschaffen. Aber wäre das nicht ein guter Anfang?



 

Good to know

Der Anteil eingewanderter Schüler*innen bzw. Schüler*innen als (direkte) Nachkommen Eingewanderter, die eine Hamburger Stadtteilschule besuchen, liegt bei fast 60 Prozent, an den Hamburger Gymnasien bei ca. 40 Prozent. (Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg: Antwort des Senats auf Große Anfrage, April 2021, auf buergerschaft-hh.de, S. 5 (21.04.2022)


Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage ist ein bundesweites Netzwerk mit über 3000 teilnehmenden Schulen. Sie wollen sich für dafür einsetzen, Schulen darin zu begleiten, sich für Courage, für Menschenwürde, für Gleichwertigkeit und gegen jede Form von Diskriminierung und Rassismus einzusetzen.


Schon gelesen und gehört?

Im Shop der Landeszentrale für politische Bildung am Dammtorwall 1 in Hamburg gibt es viele spannende Bücher zum Weiterlesen. Wie wäre es z. B. mit „Rassismus - Die Erfindung von Menschenrassen.“ von Susanne Wernsing, Christian Geulen und Klaus Vogel (2018)? Im Shop gibt es auch Leitfäden, Sonderausgaben und Berichte über die Entwicklung von Hamburger Schulen.

Auf z.B. Spotify gibt darüber hinaus einige Hörbücher und viele Podcast-Episoden rund um die in diesem Artikel angesprochenen Themen! So zum Beispiel Ogettes Buch „exit Racism“.



Quellen


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