Corona und die digitale Veränderung der Schule

Aktualisiert: 16. Mai

Die Covid-19 Pandemie bestimmt noch immer sowohl unseren Alltag als auch den der Schulen, in denen die nächste Generation heranwächst und lernt - so gut es eben geht unter den aktuellen Umständen. Wie hat sich Unterricht und Schule selbst während der Krise digital weiterentwickelt?


Es ist 7:45 Uhr, Benno rollt aus dem Bett und schlurft in das Arbeitszimmer der Familie vor den Computer. Zehn Minuten später loggt er sich in die erste Videokonferenz des Tages ein. Viele arbeiten mit IServ, andere Lehrer*innen nutzen Zoom, Jitsi oder Discord. Der 12-jährige geht in die 7. Klasse eines Gymnasiums in Harburg. Im Februar findet immer noch alles online statt. Ein Lichtblick: Nach den Frühjahrsferien im März konnten die Schulen wieder öffnen. „Mit Freunden und Lehrern im Real Life sein, das vermisse ich schon“, so Benno. „Ist einfach was anderes“ - klar.


Paula durfte im März noch nicht wieder zur Schule: Die 17-jährige besucht die 11. Klasse einer Stadtteilschule im Norden Hamburgs, die nach den Ferien erstmal nur für die Abschlussklassen öffnet. Paulas Stufe bleibt somit weiterhin im Online-Unterricht zu Hause. Sollten Schüler*innen dort nicht konzentriert arbeiten können, besteht seit dem zweiten Lockdown die Möglichkeit, die Räume in der Schule zu nutzen. Überhaupt sei vieles erst zur zweiten Schulschließung passiert - WLAN in der Schule zum Beispiel oder die Installation der Plattform IServ, über die dort seitdem alles laufe. „Davor haben wir per Mail Aufgaben bekommen, mussten Zettel ausdrucken und unsere Lösungen dann abfotografiert zurückschicken. Das war sehr unübersichtlich, da habe ich dann auch mal was übersehen“.


Laut einer Pressemitteilung der Behörde für Schule und Berufsbildung wurden alle Schulen ab Sommer 2020 mit den Lernprogrammen LMS.Lernen.Hamburg und IServ ausgestattet. Während im März 2020 erst 75 Schulen diese Programme nutzten, waren es Ende des Jahres bereits 347. Die fehlenden 90 Schulen sollen bis zum Sommer 2021 aufholen.


Doch auch der Schulsenator Ties Rabe weiß: „Gerade in der Zeit des Fernunterrichts sollten wir diese Möglichkeiten nicht überschätzen. Jüngere Kinder, insbesondere im Grundschulalter, sind auch bei guter digitaler Ausstattung kaum in der Lage, ohne Begleitung und Betreuung durch Erwachsene konzentriert über einen längeren Zeitpunkt zu lernen.“ (Pressemitteilung der Behörde für Schule und Berufsbildung: „Digitalausstattung an den Schulen verdreifacht“, Januar 2021)


Das kann Ulrike, Lehrerin einer 19-köpfigen Grundschulklasse aus Erst- bis Drittklässler*innen, bestätigen: „Die Kleinen kannst du nicht mit einem Erklärvideo abspeisen. Die Lernwege sind bei denen ganz anders als bei Achtklässlern zum Beispiel“. Normalerweise gebe es für neue Themen eine Einführung, es werde erst erklärt, dann gemeinsam geübt – so zu arbeiten, falle jetzt komplett weg, das müsse alles nachgeholt werden. Aufgaben werden freitags in Mappen persönlich am Schultor übergeben. Montags telefoniert die Lehrerin dann ihre Schützlinge ab: „Kommst du klar, hast du Fragen?“ Und auch sonst können die Schüler*innen sie jederzeit anrufen. „Es bleibt natürlich inhaltlich viel auf der Strecke. Auch merkt man deutlich, dass Kinder, die über so einen langen Zeitraum nur eine fremde Muttersprache sprechen, auch im Deutschen wieder nachlassen. Ich bin mal gespannt, was die Politik sich da einfallen lässt, wie das Versäumte, gerade bei bildungsfernen Kindern, aufgeholt werden soll.“


2011 wurde Ties Rabe Schulsenator - neue Ziele wurden gesetzt, „Hamburgs Schulen sollen die besten und modernsten Schulen in Deutschland werden“ (Broschüre Schule in Hamburg, Entwicklung seit 2011). Im Juli 2019 belegten Hamburgs Schulen bei einer Studie des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur über Digitalisierung bundesweit den ersten Platz, fast ein Jahr später wurde das auf eine harte Probe gestellt. Denn als die Corona-Pandemie sich weltweit ausbreitete und im März 2020 auch in Deutschland die Schulen geschlossen wurden, stellte sich heraus:


Das digitale Lernen?

Das muss erst einmal gelernt werden.


Mit 81 000 Laptops, Tablets und Desktop-Computern (Stand Ende 2020, Quelle: Pressemitteilung Schulbehörde Hamburg) ist Hamburg bundesweit am besten ausgestattet. Ulrike hat bis heute kein Diensthandy oder -laptop. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit immer mehr. Die Kinder, die kein WLAN zu Hause haben, gehören laut Schulbehörde in die Notbetreuung. Überhaupt alle Kinder, die in der Schule besser lernen könnten als zu Hause. „Bei wohlsituierten Familien geht das ja, aber an Brennpunktschulen ist das bei allen der Fall“ - kaum jemand hätte ein eigenes Zimmer, geschweige denn einen Schreibtisch. Die Ungleichheiten zwischen den Hamburger Schüler*innen sind sichtbar.


Benno ist mit der Menge an Aufgaben überfordert, es gibt keinen festen Stundenplan, die Lehrer*innen scheinen sich kaum abzusprechen. Paula hat zu Hause drei Wochen kein Internet, muss jeden Morgen zu einer Freundin oder ihrer Oma fahren. Eine Schülerin von Ulrike hat keinen Zugriff auf ein Handy, Telefon oder einen Computer - die Tablets der Schule sind alle bereits ausgeliehen. Drei Wochen steht sie auf der Warteliste bis die Schülerin endlich mit ihrer Lehrerin kommunizieren kann.


Ein zweiter Lockdown folgt, erneut werden die Schulen geschlossen. Bennos Tage sind jetzt geregelter, dennoch gab es seit März 2020 keine einzige Klausur, er habe sich deutlich verschlechtert auf dem Zeugnis, beteilige sich weniger und berichtet von fehlender Motivation. Bei Paula funktioniert der Online-Unterricht mit IServ jetzt besser: „Mir macht das inzwischen auch Spaß mit den digitalen Sachen.”


„Ich fänd das cool, in Zukunft mehr online zu machen und mehr mit iPads und Laptops zu arbeiten.“


Trotzdem: Rückmeldungen gebe es zu unregelmäßig, in vielen Fächern bekomme sie überhaupt kein Feedback und in Mathe, was Paula sowieso schwerfalle, habe sie jetzt komplett den Anschluss verloren, „weil mir da einfach die nötigen Erklärungen zu Hause fehlen.“


Luftreiniger gibt es für Ulrikes Grundschule nicht, „und mit einer Plexiglasscheibe vorm Pult ist es eben auch nicht getan. (…) Ich sitze auf einem kleinen Hocker mit Rädern und fahre im Prinzip von Kind zu Kind, gerade weil wir ja jahrgangsgemischte Klassen haben. Ich kann nicht über eine Distanz von zwei Metern mit einem*r Erstklässler*in üben, ob das M vorne, in der Mitte oder hinten steht. Die Kinder brauchen schon auch den Bezug zu mir“, sagt sie. Für Zoom sei die Klasse eh zu jung - außerdem könnten vier ihrer sechs Erstklässler*innen, wegen mangelnder Deutschkenntnisse, kaum mit ihr kommunizieren. Wenn es keine älteren Geschwister gebe, sei das schon unter normalen Umständen kompliziert. Da helfe dann auch kein Laptop oder Programm, wenn man Deutsch weder lesen noch verstehen könne. Die Digitalisierung sei also an Grundschulen nicht die Lösung für das pandemiebedingte Problem. Die Impfung als Antwort? Ohne würde sich die aktuelle Situation nicht verändern können: Viel Aufwand, wenig Ergebnis, frustrierende, unbefriedigende Arbeit. Für Lehrende und Lernende.


Was bei allem im Fokus stehen sollte: die Zukunft und das Glück der Kinder.

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