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Die Kunst der Langeweile

Mein Wecker klingelt. Schlaftrunken greife ich nach meinem Handy und scrolle durch die neuesten Nachrichten auf WhatsApp und Insta. Mit der Zahnbürste in der einen und der Haarspange in der anderen Hand strukturiere ich gedanklich den heutigen Tag. In der Küche tausche ich mich dann noch kurz mit meiner Mitbewohnerin aus, während ich die Lernzettel für meine Klausur nächste Woche durchgehe. Sobald ich das Haus verlasse, setze ich meine Kopfhörer auf und drücke auf „play“.

Ich verbringe den Tag an der Uni. Auf dem Weg nach Hause greife ich nach meinem Handy in der Hosentasche und stelle fest – verdammt! Ich habe es in der Bibliothek liegen lassen. Und die hat bis morgen Mittag erstmal geschlossen. Wie soll ich das überleben? Zum ersten Mal laufe ich ohne Musik auf den Ohren durch die Stadt, stehe an der Haltestelle, ohne nach meinem Handy zu greifen, und überlege fieberhaft, wie ich meine Freund*innen erreichen kann. Nachdenklich biege ich in die Straße ein, in der ich wohne. Hat der Baum heute Morgen auch schon geblüht? Und wie stark es aus der Bäckerei duftet! Ich bleibe mitten auf dem Gehsteig stehen und schaue um mich herum, als sähe ich die Straße mit anderen Augen. Wie still es hier ist. Wie soll ich denn eigentlich meinen Abend verbringen, wenn ich niemanden erreichen, keine Musik hören und zum Einschlafen noch nicht einmal einen Podcast starten kann? Mich überkommt langsam ein Gefühl, das mir fast schon fremd ist: Langeweile.


Es ist ein besonderes Merkmal der Generation Z, ständig beschäftigt zu sein – allzu oft sogar mit mehreren Dingen gleichzeitig. Wir sind es nicht mehr gewohnt, uns nur noch auf eine Sache zu konzentrieren oder einfach mal nichts zu tun: Jede freie Minute ist verplant und durch die sozialen Medien leben wir stets am Puls der Zeit. Durch die ständige Beschallung wird unsere Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer: Im Durchschnitt liegt sie bei der Generation Z bei acht Sekunden. (1) Im Vergleich dazu liegt sie bei der vorherigen Generation bei zwölf Sekunden. Die Welt scheint kleiner geworden, überall und immer verfügbar zu sein. Aber dadurch haben wir etwas verlernt, das uns vielleicht noch aus Kindertagen bekannt ist – Langeweile.


Wozu soll die gut sein?


Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Langeweile eine gesunde Wirkung haben kann. Denn in dem Moment, in dem wir in den Modus des „Nichtstuns“ geraten, nehmen wir weniger Informationen von außen auf und das Gehirn aktiviert das sogenannte „Default Mode Network“.(2) In diesem „Ruhezustandsnetzwerk“ fängt unser Gehirn an, sich mit sich selbst zu beschäftigen und neue Verbindungen und Zusammenhänge herzustellen. Je mehr wir uns von der Außenwelt „entkoppeln“, desto intensiver wird dieses selbstreflektierende Denken. Gehirnforscher haben dargelegt, dass innerhalb dieses Vorgangs nicht nur das Entstehen neuer Ideen gefördert wird, sondern auch die emotionale Intelligenz und persönliche Reife. (3) Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass dauerhafte Ablenkung nicht förderlich ist für die emotionale und persönliche Kompetenz eines Menschen. Jedoch ist dabei zu beachten, dass ein Übermaß an Langeweile auch negative Auswirkungen haben kann und im Extremfall zu aggressiven Verhalten oder sogar Depressionen führen kann. Es geht dabei also immer um das richtige Maß an Langeweile. (4)


Mit der positiven Wirkung von Langeweile beschäftigt sich auch die serbische Performancekünstlerin Marina Abramović. Sie hat verschiedene Wege gefunden, das Gefühl der Langeweile zu kanalisieren und nützlich zu machen: Abramović ist nämlich überzeugt, dass man durch Langeweile schöpferische Kraft freisetzt und greift dabei auf bestimmte Methoden zurück, um diesen Zustand herzustellen. Ob durch das Auszählen von Reis, konzentriertes gegenseitiges in die Augen schauen, das Verweilen auf einem Podest mit verbundenen Augen, das Schauen auf eine Farbkarte oder einfach nur durch langsames Gehen – mit den unterschiedlichsten Übungen fordert die Künstlerin dazu auf, sich eine Auszeit von der rastlosen Gegenwart zu nehmen. (5) Es geht der Künstlerin dabei immer um das „präsent sein“, die Fähigkeit, das Gegenwärtige bewusst und mit allen Sinnen wahrzunehmen, ohne sich dabei ablenken zu lassen. Denn erst dann findet man ihr zufolge einen Weg zur inneren Einkehr und gelangt in einen Zustand, der heute mit dem Stichwort „Achtsamkeit“ bezeichnet wird: (6) Die Fähigkeit, das „Hier und Jetzt“ bewusst und ohne jegliche Bewertung wahrzunehmen.(7)


Auch wenn ihre Achtsamkeitsübungen vielleicht nicht in deinen Alltag passen, versuche doch mal, alleine spazieren zu gehen, ohne ein konkretes Ziel vor Augen, und dabei einfach nur auf die Umgebung zu achten. Oder trinke ein Wasserglas ganz langsam und spüre mit jedem Schluck das kühle Wasser, dass sich in deinem Körper ausbreitet. Oder fang einfach damit an, beim Warten nicht ständig auf das Handydisplay zu starren. Es sind oft schon die kleinen Dinge, die unseren Alltag verändern und einem dazu verhelfen, ein achtsameres Leben zu führen, damit wir nicht nur den Anschluss an die Welt, sondern auch zu uns selbst nicht verlieren. Manchmal muss man sich bewusst vornehmen, mal nichts zu tun

– oder wie in meinem Fall – dazu gezwungen werden, sich zu langweilen.



 

Good to know:


Marina Abramović gilt als eine der berühmtesten Künstlerinnen und Pionierin der Performance-Kunst. Sie stammt aus Serbien und arbeitet mit Methoden und Techniken wie Videoarbeiten, Installationen, Fotografien und Performances. Besonders bekannt ist sie für ihre anstrengenden Langzeit-Performances, in denen sie physische, mentale und emotionale Grenzen testet. Dabei hat sie teils schon ihr eigenes Leben riskiert. Ein berühmtes Werk ist Rhythm 0 von 1974. Hier wurden 72 Gegenstände auf einem Tisch neben ihr ausgelegt. Sechs Stunden lang konnten Besucher*innen einen Gegenstand nehmen und mit ihr interagieren. Die Gegenstände umfassten u. a. eine Rose, eine Feder, Parfüm, Wein, aber auch ein Skalpell sowie Nägel und einen geladenen Revolver. Sie wollte herausfinden, wie weit das Publikum gehen würde. Zu Beginn wurden z. B. nur ihre Arme in die Luft gehoben. Nach einiger Zeit schnitten Menschen mit Rasierklingen ihre Kleider durch, verletzten sie an ihrer Kehle und leckten ihr Blut ab und es gab mehrere sexuelle Übergriffe. Sie verharrte stets still. Das Publikum teilte sich, einige stellten sich um sie zum Schutz. Als jemand den geladenen Revolver an ihren Kopf hielt, brach im Publikum ein Kampf aus. Abramović sagte im Anschluss: „Was ich dadurch lernte war: wenn du alles dem Publikum überlässt, dann kann es dich töten.“


Hier ein paar Tipps, um Achtsamkeit in deinem Alltag auszuprobieren.

  • Schalte dein Handy einfach einmal in der Woche für mehrere Stunden am Tag aus.

  • Gehe spazieren, ohne dir vorher ein Ziel zu setzen.

  • Wenn du wartest, dann beobachte deine Umgebung, anstatt auf’s Handy zu schauen.

  • Setze nicht direkt die Kopfhörer auf, sobald du das Haus verlässt.

  • Schaue im Bus, der Bahn oder im Auto einfach mal aus dem Fenster.

  • Wenn du alleine kochst oder isst, dann versuche nicht sofort eine Serie oder einen Podcast einzuschalten.

 

Quellen

(1) Webcampus, 2022: Die 8 Sekunden Aufmerksamkeitsspanne – Gibt es sie wirklich?, online webcampus.de [13.11.22].


(2) Raffaelli, Q. u. a., 2018: The knowns and unknowns of boredom: a review of the literature. In: Experimental Brain Research 236, S. 2451–2462.


(3) Steinmann, N., 2022: Mag das Gehirn Langeweile?, online dasgehirn.info [13.11.22].


(4) Uhrig, S., 2022: Langeweile: Mehr als nur das Fehlen einer Beschäftigung, online quarks.de [13.11.22].


(5) Systemanns, S., 2019: Hören und Spüren bis zur Erschöpfung, online deutschlandfunk.de [15.11.22].


(6) Evers, L., 2019: Blick in die Seele, online arte-magazin.de [15.11.22].


(7) Schmid, T., 2020: Was ist Achtsamkeit?, online zhaw.ch [16.11.22].






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