Das koloniale Erbe Hamburgs

Aktualisiert: 20. Juni

Wie sich die Hafenstadt mit ihrer Geschichte auseinandersetzt


Die Möwen kreischen und der Hafen spiegelt sich in den Fenstern des Wahrzeichens Hamburgs, der Elphi. Das ist Hamburg, das Tor zur Welt. Bei einem Spaziergang über die Kornhausbrücke, durch die Speicherstadt vorbei an den vielen Lagerhäusern, werden Erinnerungen an die Kinderserie „Die Pfefferkörner“ wach. Nebenan befindet sich das Kontorhausviertel mit dem Chile- und Afrikahaus. Typische Gebäude, die zu Hamburg gehören. Nur ein paar Brücken weiter ist die Hafencity, das Großprojekt der Stadt, mit dem Überseequartier und dem Baakenhafen, vielen Cafés und Start-Ups, die sich hier ansiedeln.



Ein zweiter Blick auf das Hafenviertel zeigt ein anderes Hamburg

Ein schöner Spaziergang, der von einer dunklen Vergangenheit überschattet wird. Viele Orte und Gebäude, die man bei einem kurzen Spaziergang passiert, sind Zeitzeugen einer kolonialen Vergangenheit, die sich bis in die Gegenwart zieht. Als Hafen- und Handelsmetropole ist Hamburg Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts sehr reich geworden. Die vielen Teppich-, Gewürz- und Kaffeekontore sind Orte aus Hamburgs Handelsvergangenheit. Handel besonders mit Ländern aus „Übersee“, zum Großteil in Afrika, später auch in Asien. Der Reichtum ist bis heute geblieben.


Vorbei an den roten Backsteinhäusern fällt der Blick auf verhüllte Statuen an der Kornhausbrücke, aber auch auf den erst im letzten Jahr eingeweihten Amerigo-Vespucci-Platz. Benannt nach einem italienischen Eroberer und Menschenhändler (1454-1512), der nach Kolumbus Amerika „entdeckte“ und für Massaker, Plünderungen und Versklavung verantwortlich war. Hamburg befindet sich in einer Phase des Postkolonialismus, in der nach weißen Eroberern benannte Plätze hinterfragt und glorifizierende Statuen verhüllt und mit Farbe bemalt werden. Wie geht Hamburg mit seiner Kolonialgeschichte um? Und wie viel Vergangenheit ist heute noch präsent?


„Postkolonialismus kann dabei nicht einfach als etwas gedacht werden, dass ›nach‹ dem Kolonialismus eingetreten ist, sondern muss als eine Widerstandsform gegen die koloniale Herrschaft und ihre Konsequenzen betrachtet werden.“


Woher das viele Geld kam, das Hamburg so reich gemacht hat, ist bis heute Vielen gar nicht bewusst. Durch die brutale Einnahme afrikanischer Gebiete hat Deutschland ein Machtverhältnis aufgebaut, das über den Handel von Waren hinausging. Menschen im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, und Deutsch-Ostafrika (umfasst heute Teile von Tansania, Burundi, Ruanda und Mosambik) wurden für die Produktion von Kolonialwaren ausgebeutet, verkauft und umgebracht. Sie wurden im Zuge der Kolonialisierung zur Ware der Europäer*innen. Den Einheimischen wurde das Menschsein abgesprochen und es wurden ihnen Eigenschaften zugeschrieben, die es den Kolonialmächten möglich machten, die Versklavung zu legitimieren. Auch Hamburger Akteure waren damals an Sklavenhandel und der Durchführung des Genozids an den Ovaherero und Nama im heutigen Namibia beteiligt. Der deutsche General Lothar von Trotha organisierte den Massenmord und die Verschiffung von Menschen und Materialien von Hamburg in den Süden Afrikas. „Am Hamburger Baakenhafen liefen die Woermann-Dampfer aus und transportierten Soldaten, Waffen, Munition und Pferde nach Swakopmund (Namibia),“ erzählt Anke Schwarzer vom Arbeitskreis Hamburg Postkolonial. Der Hafen war Ausgangspunkt für die brutale Kolonialisierung. Die Folgen ziehen sich bis heute durch Bereiche wie Politik, Gesellschaft oder auch Wirtschaft – zum Großteil aber nicht sichtbar und nicht aufgearbeitet. Mit dieser Geschichte im Hinterkopf können Orte wie der Baakenhafen als ehemaliger Ausgangspunkt für den Handel mit Menschen und Kolonialwaren neben dem Amerigo-Vespucci-Platz in der HafenCity widersprüchlicher nicht sein. Die romantisierte Perspektive auf Hamburgs Handel mit Ländern im sogenannten globalen Süden bleibt erhalten und noch dazu wird ehemaligen europäischen Eroberern unkritisch erinnert. Ebenso romantisiert bleiben Straßen wie die „Afrikastraße“ zurück, die unreflektiert die Internationalität von Hamburg als „Tor zur Welt“ markieren.

Vor ungefähr acht Jahren hat sich der Hamburger Senat dazu verpflichtet, seine Kolonialgeschichte aufzuarbeiten. An einem Runden Tisch kommen seither Vertreter*innen aus Vereinen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Was soll mit bestehenden Denkmälern, Straßennamen und Gebäuden geschehen?

Einige von ihnen setzen sich schon seit Jahren für die Dekolonisierung und Sichtbarmachung der verdrängten Geschichte im Hamburger Stadtraum ein. So zum Beispiel der Arbeitskreis (AK) Hamburg Postkolonial. Millicent Adjei, Mitglied des AK, geht die Aufarbeitung noch nicht weit genug: „Es reicht mit der Verherrlichung und Romantisierung von Kolonialmördern in Hamburgs Stadtbild! Diese Fortsetzung von Ignoranz und Arroganz zeigt mir, dass es Hamburg nicht ernst meint mit der Aufarbeitung seines kolonialen Erbes.“2 Mit Ausstellungen, Stadtführungen und unzähligen Gesprächen macht der AK seit Jahren auf den seiner Meinung nach unsensiblen und unkritischen Umgang mit der Kolonialgeschichte aufmerksam. Sehr spät und lange noch nicht umfassend genug, aber: der Prozess ist angestoßen. Ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch für einige Aktivist*innen noch nicht schnell genug. Im Zuge dessen bringt sich auch die Universität Hamburg mit einem Großprojekt ein. Was viele nicht wissen: Zuerst wurde das Hamburger Kolonialinstitut gegründet. Das Institut diente zur Ausbildung von Kaufleuten und Kolonialbeamten, um sie auf die Rahmenbedingungen in den deutschen Kolonien vorzubereiten. Es war ein Institut mit kolonialer Ausrichtung und rassistischer Lehre. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts baute die Gründung der Universität Hamburg auf diesem bestehenden Kolonialinstitut auf. Nur langsam änderten sich die Inhalte. Die Geschichte, der problemlose Übergang vom Kolonialinstitut zur staatlichen Universität, bleibt weitgehend unkommentiert. Vor einigen Jahren hat die eingerichtete Forschungsstelle der Universität „Hamburgs (post-)koloniales Erbe – Hamburg und die frühe Globalisierung“ unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Zimmerer mit der Aufarbeitung Hamburgs Kolonialgeschichte begonnen. „Als Historiker habe ich ein Interesse daran, dass Denkmäler als historische Quellen erhalten bleiben. Allerdings müssen sie radikal dekonstruiert und entheroisiert werden, sodass ihre verherrlichende Funktion entfällt. Man könnte sie beispielsweise auf den Kopf stellen oder hinlegen.“3 Eine Option könnte demnach sein, bestehende Denkmäler zu erhalten, sie geschichtlich einzuordnen und klar zu machen, aus welcher Intention heraus sie aufgestellt wurden, ohne dieser dabei zu gedenken.

Ein Anfang, wenn auch noch nicht konsequent und auf allen Ebenen, ist geschafft. Es gibt Zusammenschlüsse wie den AK Hamburg Postkolonial, die Forschungsstelle der Universität und den Runden Tisch der Stadt Hamburg, die sich engagiert einsetzen. „Seit 2019 gibt es einen Beirat für die Dekolonisierung der Stadt Hamburg in der Kulturbehörde. Bemerkenswert ist, dass der Hamburger Senat als erste Regierung eine Delegation von Vertreter*innen verschiedener Ovaherero- und Namaverbände aus Namibia und den USA offiziell empfangen hat. Zuvor standen sie immer vor verschlossenen Türen, sei es beim Bundespräsidialamt, beim Bundestag oder den Landtagen,“ sagt Anke Schwarzer.

Es zeigt sich, dass es trotz vieler Kämpfe und Diskussionen ein langer Prozess ist, die vielen über Jahre etablierten Erinnerungsorte, die zum Stadtbild Hamburgs gehören, zu überdenken und die kolonialgeschichtliche Verklärung intensiv aufzuarbeiten.


Wieder zurück an der Elbe, am Ende des Spaziergangs, scheint die Sonne zwar immer noch, aber die Containerschiffe, die die Elbe flussaufwärts fahren, und der Kaffee aus der kleinen Rösterei in der Speicherstadt haben einen Beigeschmack. Der Blick auf Hamburgs Schönheit ist getrübt, aber es gibt Hoffnung, dass die Vergangenheit sichtbarer wird.

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