Hamburgs Mission 2030


Ein Blick auf Weiden und Wiesen lässt kaum vermuten, dass hier am östlichen Rand von Hamburg der neue Stadtteil Oberbillwerder entstehen soll: Innovativ, nachhaltig und bezahlbar. Ein Stadtteil, der schon in der Planungsphase andere Aspekte im Fokus hat, als das noch vor ein paar Jahren der Fall gewesen wäre: Active, social und connected soll der Stadtteil werden. Die 118 Hektar, die jetzt noch landwirtschaftlich genutzt werden, nicht weit entfernt vom beliebten Badetreff Dove-Elbe, sollen ab 2023 bebaut werden. Als 105. Stadtteil entsteht Hamburgs zweitgrößtes Stadtentwicklungsprojekt, ein Vorhaben, bei dem sich, im Unterschied zu vielen anderen Stadtvierteln, von Anfang an an den Bedürfnissen potenzieller Bewohner*innen orientiert und auf viel grünen Freiraum geachtet wurde. Auch die Beachtung der SDGs spielt hier eine entscheidende Rolle. Ein Großprojekt im Marschland, das eine Bürger*inneninitiative kritisch sieht.

Good to know: SDGs

Die SDGs: Kein einfaches Handlungsprogramm, aber eine gute Orientierung.

Die Sustainable Development Goals (SDGs) oder nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen sind eine Agenda mit 17 Zielen, durch deren Umsetzung die Welt fairer, sozialer und nachhaltiger werden soll. Die Handlungsziele, wie beispielsweise die Reduzierung von Hunger und Armut oder die Förderung von Bildung und Naturschutz, bestehen wiederum aus einer Vielzahl von Unterzielen, die dabei helfen sollen, das jeweilige Hauptziel konkret umzusetzen. Alle Staaten, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft verfolgen bis 2030 die Aufgabe, global Verantwortung zu übernehmen und sich an diesen Handlungsbereichen zu orientieren. Das oberste Ziel ist, niemanden zurückzulassen, das soll heißen, dass sich alle Beteiligten, Staaten und Kommunen unterstützen und gemeinsam einen Fahrplan für die Zukunft umzusetzen sollen. Alle Ziele sind gleichwertig, werden in öffentlichen Debatten aber oft durch „Whataboutism“ gegeneinander ausgespielt.

Ein Stadtteil für alle? Social, connected und active – das soll Oberbillwerder werden

Bewachsene Häuser, viele Grünflächen, Bildungseinrichtungen und jede Menge Orte, die gemeinsam und flexibel genutzt werden können. Auf der einen Seite eine Oase mitten in Hamburg mit dem Potenzial, ein Musterbeispiel für ganz Deutschland zu werden. Auf der anderen Seite gibt es auch einige, die die Bebauung viel mehr als Zerstörung eines Naturparadieses sehen, in dem eine Vielfalt geschützter Tierarten lebt. Der Zusammenschluss von Bürger*innen aus angrenzenden Stadtteilen lehnt das Großprojekt aus unterschiedlichen Gründen ab. Es geht ihnen um umliegende Naturschutzgebiete, die sie durch die Bebauung in Gefahr sehen, die geplante Verkehrsanbindung auf Kosten bewaldeter Gebiete und um die Vernichtung privater Existenzen wie Landwirtschaft und Reiterhöfe. Mit ihrer Initiative „Nein zu Oberbillwerder – Paradies Billwerder erhalten“ protestieren sie gegen das geplante Wohngebiet. Die Stadt Hamburg baut trotzdem.


Ungefähr 7.000 neue Wohneinheiten sollen entstehen, die sowohl Studierenden, Familien, Senior*innen und Menschen mit Inklusionsbedarf oder geringerem Einkommen ein Zuhause bieten sollen. Neben dem Faktor bezahlbaren Wohnraumes stehen hier das soziale Miteinander, weitestgehend barrierefreie Angebote und viele Nachbarschaftsplätze im Fokus. „Vorbilder für Oberbillwerder gibt es in Europa einige. Wir haben dafür Exkursionen nach Wien, Oslo und Kopenhagen unternommen. Das hat uns inspiriert“, erzählt Arne von Maydell. Er ist Sprecher der International Bauausstellung (IBA) Hamburg, die maßgeblich für die Planung des Stadtteils verantwortlich ist. Mit Oberbillwerder möchte Hamburg an einem erlebbaren Beispiel zeigen, wie die SDGs umgesetzt werden können. So soll die Wärmeversorgung des Stadtteils aus Abwasser gewonnen werden und damit zu hundert Prozent aus regenerativer Energie bestehen. Außerdem sollen viele sportliche Angebote direkt vor Ort die Aktivität und den gesunden Lebensstil der Bürger*innen unterstützen. Als Modellstadtteil für die Active City Hamburg würden Sport und Bewegung integrale Bestandteile des Alltags werden, erklärt von Maydell. Bei der Übersicht der Planungen fällt außerdem auf: Autos vor den Häusern, Parkplätze in jeder Straße, das soll es hier nicht geben. „Ziel ist es, das Auto im Stadtteil möglichst überflüssig zu machen; durch andere und neue Arten der Fortbewegung, die umweltschonender, komfortabler, schneller und günstiger sind“, so von Maydell.


Eine Stadt der Zukunft?

Auch wenn die Gegeninitiative die Fahrrad-Distanz zur Innenstadt als zu weit empfindet, connected ist der Stadtteil laut Modellplan auf jeden Fall: In nur 16 Minuten ist der Hauptbahnhof mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und in weniger als 10 Minuten ist man im Zentrum von Bergedorf. Für alle Autos wird es Parkhäuser geben, die später einmal anders genutzt werden könnten, sogenannte Mobility Hubs, und die auch Dienstleistungen, Einzelhandel, soziale und kulturelle Angebote beinhalten. Es wird ein Stadtteil, der nicht nur für die nächsten zehn Jahre innovativ sein soll, sondern jetzt schon Naturschutz und soziale Aspekte integriert, um langfristig attraktiv und nachhaltig zu sein. „Durch die Gestaltung hochwertiger Freiräume und ansprechender Freizeitangebote sowie die Schaffung von zentralen Begegnungsorten im Quartier wird der öffentliche Raum zum erweiterten Wohnzimmer, in dem sich die Bewohnerinnen und Bewohner begegnen“, fasst von Maydell das Konzept zusammen.


Hamburg ist wie Bundesländer und Kommunen in der Verantwortung, sich für eine friedlichere, umweltverträglichere und sozialere Zukunft einzusetzen. Kerstin Bockhorn, Referentin der Stabstelle Nachhaltigkeit der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) in Hamburg, betont die Rolle der Großstadt: „In einer ‚Welt der Städte‘ sind Städte die Verursacher, aber gleichzeitig auch die Lösung der Probleme.“ Sie sieht in Städten Potenzial, gemeinsam Lösungen zu finden und diese in einem kleinen Maßstab ausprobieren zu können. Es sei eine Chance, Labor und Motor für Transformation und Innovation zu sein.


Hamburg hat deshalb die Agenda 2030 zum Anlass genommen, die eigene Situation zu analysieren, den Istzustand festzuhalten und unter Einbindung der Bürger*innen Entwicklungsmöglichkeiten zu erarbeiten. In diesem Prozess gab es die Möglichkeit, Ideen einzubringen und auch für Gegeninitiativen die Chance, Kritik zu äußern.

Hamburg fokussiert sich von nun an primär auf vier Handlungsbereiche: Umwelt und Stadt, nachhaltige Wirtschafts- und Finanzpolitik, Teilhabe und sozialer Zusammenhalt und Bildung und Wissenschaft. Einige Unterziele wie Gesundheit, Klima- und Naturschutz, Energie, Mobilität, Bildung, bezahlbarer Wohnraum, soziale Inklusion und Freiraumversorgung werden direkt in Oberbillwerder umgesetzt. „Das Herzstück wird der Grüne Loop, der die Grundstruktur Oberbillwerders vorgibt und zugleich zum Markenzeichen wird“, erklärt von Maydell. Viel Freiraum, in der Natur und trotzdem stadtnah – Oberbillwerder soll ein zukunftsfähiger und innovativer Stadtteil werden, der alle anspricht.





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