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Vom Closet in die Schublade: Das Problem mit queeren Labels.

Unser Autor ist schwul – mit seiner Sexualität hat er kaum mehr Probleme. In der queeren Community gibt es aber eine Sache, die ihn vor allem unter schwulen Männern nervt: Labels, vor allem beim Online-Dating. Hier erklärt er, was daran aus seiner Sicht gefährlich ist.


ls ich herausgefunden habe, dass ich ein „Twink“ bin, war ich vermutlich 16 Jahre alt. Ich hatte mich bei einer großen Online-Dating-Plattform für schwule Männer angemeldet, mein Coming-out war ungefähr ein Jahr her. Wie auf jeder dieser Plattformen musste ich erst mal ein paar Fragen über mich selbst beantworten: Alter, Größe, Wohnort, Hobbys. Und dann gab es da noch eine Frage, nämlich die nach meinem „Label“. Damit sind nicht Bezeichnungen wie „schwul“, „bisexuell“ oder „hetero“ genannt, sondern Labels oder „Tribes“, die schwule Männer in Kategorien einteilen sollen – und die tragen ganz schön lustige Namen.


„Twinks“ zum Beispiel – also schwule Männer wie ich – sind meistens jung, weiß, schlank, unbehaart und haben ein markantes Gesicht. „Hunks“ dagegen sind zwar auch unbehaart und weiß, dafür aber sehr muskulös. Und dann gibt es zum Beispiel noch „Otter“: trainierte, weiße Typen, die aber Körperhaare haben. Vielleicht merkt ihr beim Lesen schon selbst: Diese Kategorien zu verstehen, ist gar nicht mal so einfach. Und sie sind total oberflächlich.


Ich finde das problematisch. Schon damals hat es mich gestört, dass ich mich in irgendeine Schublade quetschen soll, nur, weil ich aussehe, wie ich aussehe. Und mit der Zeit habe ich immer mehr gelernt, dass genau diese Einteilung in Kategorien bestimmte schwule Männer gezielt ausgrenzt.

Eines ist total wichtig, vorweg zu sagen: Als großer, schlanker cis-Mann, der in Deutschland geboren wurde, gehöre ich schon zum privliegiertesten Teil der queeren Community: Ich erfahre weder Fatshaming, Rassismus oder Klassismus. Und auch Homophobie bin ich in meinem Alltag in einer Großstadt wie Hamburg kaum ausgesetzt.

Gerade für queere Menschen, die nicht akzeptiert werden, sollte die schwule Community eigentlich ein Ort sein, an dem sie sich sicher fühlen können – ein „safer space“ also. Durch diese oberflächlichen Labels, die schwule Männer sich selbst geben sollen, werden aber Vorurteile noch viel mehr bestärkt. Ein Beispiel sind eben diese Dating-Plattformen. Schwule Männer können darauf nämlich intensiv filtern: Nach Körpergröße, Gewicht, Behaarung, aber auch nach Hautfarbe und Herkunft. Oft schmücken sogar diskriminierende und rassistische Sprüche wie „no fats, no femmes, no Asians“ die Headlines der Profile . Übersetzt bedeutet das in etwa sowas wie: dicke, feminin anmutende oder asiatisch gelesene Personen brauchen sich erst gar nicht zu melden.

Versteht mich nicht falsch: Mir ist durchaus bewusst, dass jeder Mensch Vorlieben hat, die sich manchmal auch auf Äußerlichkeiten beziehen. Wenn schwule Männer sich aber selbst in solche engen Schubladen einteilen, dann schließt das automatisch alle Menschen, die nicht in solche Kategorien passen, aus. Wir schwulen Männer reduzieren uns damit auf einen Bruchteil unserer Identität. Besonders schlimm ist das gerade deshalb, weil queere Menschen sich sowieso schon schwer tun, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Viele haben das Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören. Labels wie „Hunks“, „Twinks“ oder „Otter“ geben schwulen Männern auch innerhalb der Community vor, wie sie sein sollten, um dort einen Platz zu finden. Das kann Druck ausüben: Schwule Männer, die das Gefühl haben, nicht in diese Labels zu passen, fühlen sich vielleicht gezwungen, ihr Aussehen oder Verhalten zu ändern, um dazuzugehören.


Oder es geht ihnen wie mir: Obwohl ich meinem Äußeren nach ein klassischer „Twink“ zu sein habe, fühle ich mich in dieser Rolle nicht wohl. Ich habe das Gefühl, sie wurde mir aufgezwungen – auch wenn meine Interessen und mein Verhalten vielleicht gar nicht dazu passen. Ich kann verstehen, dass man das Bedürfnis hat, auch in der schwulen Community seinen Platz zu finden. Aber ich finde, das sollte ganz ohne „Labels“ klappen. Wenn man mit dem Coming-out gerade den „Closet“ verlassen hat – warum sollte man sich dann in eine viel kleinere Schublade stecken lassen?


Glossar

Tribes: In der queeren Community sind Tribes eine Einteilung von schwulen Männern durch oberflächliche Merkmale, wie z. B. Körperform, Körperbehaarung, Alter.


Fatshaming: Mit Fatshaming ist die Diskriminierung einer Person wegen ihres Gewichts gemeint.


Klassismus: Klassismus bedeutet, dass Menschen wegen ihres sozialen Status diskriminiert werden, z. B. weil sie weniger Geld haben als andere.



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