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Mauern für die Freiheit? – Warum wir sie errichten und niederreißen.

Zwei der berühmtesten Mauern der Welt befinden sich in Deutschland und China. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die Berliner Mauer 1989 gefallen ist und ein großer Teil der Chinesischen Mauer noch steht. Was vor allem daran liegt, dass sie aus unterschiedlichen Gründen zu verschiedenen Zeiten und Zwecken gebaut wurden. Dass wir Deutsche eine besondere Beziehung zum Thema „Mauer“ haben, macht bereits der Eintrag im Duden dazu deutlich. Darin finden sich gleich drei Bedeutungen, wobei die erste noch einmal in zwei unterschiedliche Definitionen eingeteilt ist.


Die wohl allgemeinste und unumstrittenste Definition einer Mauer findet sich unter 1. (a) „Wand aus Steinen [und Mörtel]“. So weit, so gut. Bereits bei 1. (b) wird aber dann das Beispiel schlechthin aus der deutschen Geschichte genannt: „(von der DDR am 13. 8.1961 errichtetes) durch Berlin verlaufendes Bauwerk, das die Stadt politisch (in einen östlichen und einen westlichen Teil) teilte“. (1) Offenbar ist „Mauer“ in der deutschen Sprache unzertrennlich mit der Berliner Mauer verbunden.


Die Berliner Mauer trennte nicht nur ein Volk. Sie verlief durch Deutschlands größte Stadt, die sie in Ost- und Westberlin aufteilte. Die Berliner Mauer war feindselig, weil an ihrer Grenze Menschen erschossen und ihrer Freiheit beraubt wurden. Als sie 1961 errichtet wurde, entzweite sie mit Gewalt ein ganzes Land und wurde zum Symbolträger eines Krieges, der längst im Gange und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen den Westmächten und der Sowjetunion ausgebrochen war: der Kalte Krieg. Mit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands im darauffolgenden Jahr am 3. Oktober 1990 schien auch der Kalte Krieg beendet. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sprach vom „Ende der Geschichte“ (2) und in den Jahrzehnten nach 1990 schien es tatsächlich so, dass mit dem Mauerfall auch die liberale Demokratie und der westliche Kapitalismus über den Sozialismus und Kommunismus gesiegt hätten.


Die Mauer als Idee, Ordnungsprinzip und Überwachungsstruktur

Die Geschichte der Chinesischen Mauer beginnt im 7. Jahrhundert vor Christus. Der Ausdruck „die Mauer“ ist eigentlich falsch, denn was wir heute pauschal als „Chinesische Mauer“ oder „Große Mauer“ bezeichnen, ist ein mehr als 21.000 Kilometer langes System von einzelnen Mauern, die über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten errichtet wurden. Verschiedene chinesische Herrscher und Dynastien haben immer wieder neue Abschnitte gebaut, zusammen- und hinzugefügt. Der bekannteste und am besten erhaltene Mauerabschnitt stammt aus dem 14. Jahrhundert nach Christus. Besonders spannend ist, dass sich die Gründe und Motive für den Mauerbau im Laufe der Zeit verändert haben. Ursprünglich dienten die Mauern vor allem zum Schutz und zur Verteidigung der verfeindeten chinesischen Völker. Später ging es dann vor allem darum, die nomadischen Reitervölker aus dem Norden abzuwehren. Eine weitere Funktion der Mauern bestand darin, die Landesgrenzen zu überwachen und die Handelsrouten zu schützen, zum Beispiel die Seidenstraße, die China mit Europa verband.


All diese Funktionen kennen wir auch aus unserer eigenen Kultur- und Baugeschichte, von den römischen Stadtmauern über mittelalterliche Festungsanlagen, Klostermauern und märchenhafte Burgen bis hin zu Gefängnismauern, Stadtmauern und privaten Mauern, die Land, Besitz und Eigentum schützen sollen. Mauern haben nie nur eine Funktion, niemals nur einen Zweck und schon gar nicht nur eine einzelne Bedeutung. Auch wenn Machthaber das vielleicht gern so darstellen. Eine Mauer ist immer eine Frage der Macht – und der Perspektive, die wir dazu einnehmen. Wer Mauern baut, strebt auch meist die Deutungshoheit über die Frage an, wozu und warum diese Mauer errichtet wird. Die politische Führung der DDR beispielsweise feierte den Bau der Mauer, in der Sprache der SED-Propaganda übrigens „antifaschistischer Schutzwall“ genannt, als „Sieg des sozialistischen Lagers über den westlichen Imperialismus“. Die Geschichte hat das DDR-Regime eines anderen belehrt: Das mächtige Bollwerk gegen den westlichen Imperialismus wurde abgerissen. Was unseren Blick auf Mauern übrigens um eine wichtige Bedeutung erweitert. Mauern können niedergerissen und überwunden werden – und vielleicht könnte man sogar behaupten, dass Menschen schon immer versucht haben, dies zu tun.


Mauern sind mehrdeutig – und politisch

Schauen wir noch einmal in den Duden. Nach der allgemeinen Definition und der Berliner Mauer folgt bei 2) eine Definition aus dem Pferdesport: „Hindernis aus aufeinandergelegten Holzkästen [und einem Sockel aus Steinen]“. Hier geht es aber eben nicht darum, die Mauer einzureißen, sondern dynamisch und elegant darüber hinwegzuspringen. Und Punkt 3) liefert eine Bedeutung aus dem Fußball, die allen Fußballfans unter den Lesenden bekannt sein wird: „Linie, Kette von Spielern zur Sicherung des Tors bei Freistößen bzw. Freiwürfen“. (3) Auch hier geht es darum, dass die Mauer hält, dass sie nicht auseinanderbricht und verhindert, dass der Ball ins eigene Tor gelangt. Auch hier geht es wieder um Schutz, Absicherung und Abwehr der gegnerischen Mannschaft. Gleichzeitig steht die Mauer im Fußball aber auch für Selbstorganisation, für Gemeinschaft und Zusammenhalt im Team. Eine Mauer wehrt und grenzt nicht nur ab, sie schafft auch Zusammenhalt und Identität!


Je mehr man über Mauern nachdenkt, desto mehr stellt man fest, wie komplex, vielfältig und ambivalent sie sind – und welche grundlegende Rolle sie in der Geschichte der Menschheit gespielt haben und immer noch spielen. Fassen wir ihre wichtigsten Bedeutungsebenen und Funktionen daher noch einmal zusammen:


  1. Traditionell dienen Mauern der Abwehr, der Verteidigung und dem Schutz vor Feinden.

  2. Eine Mauer ist ein Mittel der Abschreckung und immer auch eine Demonstration von Macht.

  3. Mauern sind ein wesentlicher Grundpfeiler der Zivilisation. Sie schützen unsere Institutionen, sie haben Viehzucht, Landwirtschaft und das Zusammenleben in Städten, Staaten und Häusern überhaupt erst ermöglicht.

  4. Mauern werden benutzt, um Menschen dahinter ein- und wegzusperren, zum Beispiel im Gefängnis oder in der forensischen Psychiatrie. In Gestalt der Isolationshaft werden Mauern sogar als psychische Folter eingesetzt.

  5. Mauern grenzen ein Grundstück, ein Gebiet oder Territorium ein. Sie umschließen etwas und grenzen es gleichzeitig nach außen hin ab. Diese doppelte Funktion von Mauern ist wahrscheinlich universell. Es gibt keine Mauer auf dieser Welt, die nur eins von beidem macht.

  6. Mauern dienen dazu, Sicherheit, Freiheit und Frieden zu garantieren. In der Charta der Grundrechte der Europäischen Union gibt es das Recht auf Sicherheit, persönliche Freiheit und auf Eigentum. Manche Mauern dienen dazu, diese Rechte durchzusetzen und zu sichern.

  7. Mauern können gegen die Menschenrechte verstoßen, weil sie das Recht auf Sicherheit, persönliche Freiheit und Asylrecht von Menschen außerhalb der Mauern ignorieren.

  8. Metaphorisch gesprochen gibt es auch Mauern in den Köpfen (z. B. Vorurteile oder Selbstzweifel) und es ist möglich, eine Mauer des Schweigens aufzubauen oder zu durchbrechen

  9. Eine der gefährlichsten Mauern in unseren Köpfen ist möglicherweise das sogenannte Freund-Feind-Schema, womit „sich die politische Welt ganz leicht in zwei Lager einteilen“ lässt, „entweder sind die anderen Freund:innen oder Feind:innen“. (4) Besonders brisant wird es, wenn wir nach dem Motto verfahren „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“

  10. Mauern sind immer politisch!


Mauern sind aber nicht nur politisch, sie werden auch benutzt, um Politik zu machen. So auch in den Medien und im öffentlichen Diskurs. Dies zeigt sich nirgendwo so klar und plakativ wie in den Worten von Axel Springer, Gründer des Springer-Konzerns und der Tageszeitung BILD, aus dem Jahr 1966:


„Mein Name ist Axel Springer. (…)

Meine Stadt – Berlin – ist geteilt durch eine Mauer.

Mein Land ist geteilt durch Stacheldraht. (…)

Mein Geschäft besteht im Niederreißen der Mauern zwischen allen Völkern.“ (5)


Es klingt anmaßend und zugleich großartig, das eigene Geschäft im Niederreißen der Mauern zwischen allen Völkern zu sehen. Zugleich verdeutlicht dieses Zitat die zentrale Stellung von Mauern in unserer Gesellschaft, sowohl in der Sprache als auch auf dem Boden der Tatsachen. Mauern werden benutzt, um Politik zu machen. Sie werden im Namen der Freiheit gebaut und im Namen der Freiheit niedergerissen. Sie können Gewalt und Kriege verhindern oder selbst ein Mittel der Gewalt sein. Sie sorgen für Sicherheit, schaffen Identität und befeuern nicht selten das Denken von Freund:innen und Feind:innen.


Die Mauer ist und bleibt eine Frage der Macht. Aber nicht nur. Sie ist auch eine Frage des Gesetzes. Wie man herausfinden kann, ob eine Mauer mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten vereinbar und ethisch vertretbar ist? Entscheidend ist, wem sie nützt, wem sie schadet und mit welchen Kosten und Mitteln sie aufrechterhalten wird. Denn Mauern müssen durch das Gesetz legitimiert sein. „Die Bürger müssen für ihr Gesetz kämpfen wie für ihre Stadtmauer“, lautet ein Gedanke des antiken Philosophen Heraklit.6 Schon vor 2.500 Jahren, als die chinesischen Mauern noch in ihren Anfängen standen, war ihm klar, dass beides wichtig ist, die Mauer und das Gesetz. Denn ohne verbindliche Gesetze bringt auch die stärkste und sicherste Mauer nicht viel.


 

Illustration von: Mai Hoang


Kalter Krieg: Bei einem „kalten Krieg“ bleiben die Waffen „kalt“ – es wird nicht geschossen. Feindliche Staaten stehen hierbei in einem schweren Konflikt, der vor allem mit Drohungenen, Propaganda und Aufrüstung geführt wird. Wenn man von dem Kalten Krieg spricht, so bezieht man sich meist auf den sog. Ost-West-Konflikt (ab 1946/47). Hier stand nach dem Zweiten Weltkrieg das westliche Lager (unter Führung der USA) dem östlichen Lager (unter Führung der Sowjetunion) gegenüber.

Quellen

(1, 3) Dudenredaktion, o. J.: Mauer, online duden.de [24.06.2023].

(2) Fukuyama, F., 1992: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München, Kindler.

(4) Bernardy, J. u. Krusche, L., 2022: Ohne euch wär’s echt scheiße. Von Freundschaften, Netzwerken und politischen Bewegungen, Weinheim, Beltz & Gelberg.

(5) Der Spiegel, 1966: Kartell der Angst, Ausgabe 50.

(6) Heraklit, DK 22, B44, 1990: Diogenes Laertes, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Hamburg, Felix Meiner.



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