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Warum es sich lohnt, utopisch zu denken

Gerade durch die Corona-Krise, die so viele Strukturen aufgebrochen und Paradigmen infrage gestellt hat, tut sich ein Gelegenheitsfenster auf, neue Realitäten zu schaffen.


Wo wir Utopien finden:


Schon immer haben sich große Denker*innen der Geschichte mit Utopien beschäftigt, von Platon (Politeia), über Francis Bacon (New Atlantis), Thomas Hobbes (Leviathan), Leonardo da Vinci (das Fliegen), Milton Friedman (Neoliberalismus) bis hin zu Karl Marx (Kommunismus). Als Thomas Morus 1516 sein berühmtes „Utopia“ veröffentlichte, beflügelte er damals das Streben für Fortschritt und für eine bessere Zukunft und wurde zum Vater des Utopie-Begriffs. Thomas Morus war Jurist, Anwalt und Staatsmann und hat in seinem Werk eine fiktive Inselgesellschaft geschaffen, die auch 500 Jahre später noch als eines der wichtigsten Werke der Literatur gilt. Auf der von ihm gezeichneten Insel basieren alle Institutionen und Regeln auf Vernunft.


Später prägten Vertreter*innen sozialistischer sowie faschistischer Ideologien das Genre und trugen durch autoritäre Vorstellungen des Gemeinwohls zu seinem Fall bei. Klar ist: Jede gute Utopie muss die freie und individuelle Entfaltung des Menschen zur Grundlage machen. Oder, um es mit den Worten des Philosophen Richard David Precht zu sagen: „Die intrinsische Motivation – das selbstbestimmte Interesse – muss im Mittelpunkt jeder Utopie stehen. Sie macht in ihrer schillernden Fülle das Menschsein aus.“ Und so sahen viele Literat*innen der Geschichte den Menschen der Zukunft als Künstler, der nicht lebt, um etwas zu erreichen, sondern der seiner menschlichen Natur folgt, und das Schöne, Wahre und Gute zu verwirklichen sucht.(1)

Utopien sind keine weltfremden Traumvorstellungen. Sie sind auch kein linkes oder rechtes Literaturgenre. Sie sind auch keine Astrologie oder Futurologie. Utopien sind Leitbilder, die anschaulich machen, wie eine bessere Welt aussehen könnte und wie sich das (Alltags-)Leben in ihr anfühlt. Utopien machen Zukünfte greifbar. Lösungsorientiert verankern sie Dimensionen einer möglichen Zukunft in unserer Psyche und sind daher eine unverzichtbare Ressource für soziale Prozesse und Projekte. Ohne sie fallen wir Menschen in rückwärtsgewandte Haltungen, werden zu Opfern apokalyptischer und energieraubender Narrative oder erstarren angesichts der Herausforderungen.


Per Definition sind Utopien fiktive Orte. Man kann sie sich auch als Aussichtspunkte vorstellen. Von ihnen können wir auf die vergangene Gegenwart schauen und der Frage nachgehen, wie bestimmte Hürden damals überwunden wurden und welche Schritte zu gehen sind. Das Wort „Utopie“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet so viel wie „an keinem Ort“ (ou = nicht; tópos = Ort). Korrekter wäre eigentlich das Wort „Eutopie“, das einen guten oder schönen Ort beschreibt (eu = gut). Aufgrund der im Englischen identischen Aussprache von utopia und eutopia wurde der Begriff Eutopie über die Zeit jedoch verdrängt.


Die „Realutopie“ hingegen vereint zwei Gegensätze: Den utopischen Zukunftsort im Hier und Jetzt. Durch die reale Manifestierung utopischer Prinzipien einerseits und eine nie aufhörende Weiterentwicklung und Offenheit andererseits gelingt ihr die Quadratur des Kreises. Reinhold Messner, der berühmte Extrembergsteiger, hat dies einmal sehr anschaulich erklärt: „Wer Ideen nicht nur hat, sondern sie wachsen lässt, zu Realutopien formt und dazu Kraft, Ausdauer und Stehvermögen einbringt, diese in die Tat umzusetzen, verändert immer etwas. So mache ich als Visionär aus der Zukunft eine erlebbare Vergangenheit.“(2) Daher sind Realutopien Rüstzeug auf der Reise ins Morgen, oder, anders gesagt, sie sind wertvolle Wegmarker auf unseren Transformationspfaden.


Gerade jetzt nach und während der Corona-Krise, die so viele Strukturen aufgebrochen und sicher Geglaubtes infrage gestellt hat, tut sich ein Gelegenheitsfenster auf, neue Realitäten zu schaffen. Es lohnt sich, für Utopien zu denken und zu arbeiten. Vielen Menschen fehlt es jedoch an Ideen, wie ein gutes Leben innerhalb der ökologischen Grenzen überhaupt aussehen kann. Wie nie zuvor brauchen wir daher jetzt – zu Beginn des 21. Jahrhunderts – positive Zukunftsbilder und Wegweiser auf der gemeinsamen Reise in das Morgen. Die Transformations- und Nachhaltigkeitsforscherin Prof. Dr. Maja Göpel hat diesen Gedanken 2020 aufgegriffen: „Zukunft ist nichts, was bloß vom Himmel fällt. Nichts, das einfach nur so passiert. Sie ist in vielen Teilen das Ergebnis unserer Entscheidungen. Deshalb möchte ich Sie dazu einladen, die Welt, in der Sie, ich, wir alle leben, genauer anzuschauen, um das, was in ihr möglich ist, wieder neu zu denken.“(3)




Die positive Wendung der weltweiten Krisenlage kann nur dann Erfolg haben und gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren, wenn das Neue in Form von positiven Zukunftsbildern ermutigt, es Lust macht auf Neues („Das will ich auch!“) und positive Veränderung real erfahrbar wird. Bisher fehlen in der Öffentlichkeit wie im Privaten diese Zukunftsentwürfe, die – fern von Parteizugehörigkeit und Ideologie – wünschenswerte gesellschaftliche Veränderungen skizzieren, erproben und umsetzen.

Politische Utopien werden dann problematisch, wenn sie fertige Ziele vorsetzen, die potenziell identitätsstiftende Kraft von Hetze gegenüber Dritten und Herabsetzung anderer Gruppen ausnutzen, Menschen und Nationen spalten und wissenschaftliche Grundlagen negieren. Oft wecken solche Visionen Sehnsüchte; diese sind aber, wie jüngere Beispiele autokratischer Populisten zeigen, ausschließend und destruktiv. Wie die Autoren George Orwell (1984, 1949) und Aldous Huxley (Brave New World, 1932) eindrucksvoll zeigten, können sich so utopische Träume von Links oder Rechts in dystopische Schreckenswelten verwandeln.


Utopien, welche die zentralen Prinzipien der Selbstbestimmtheit des Menschen über Bord werfen und die eigene Vision auf skrupellose Weise als das einzig Wahre darstellen, sind höchst gefährlich. Das gilt auch für soziale Experimente repressiver politischer Regime, die Menschen zu perfekten Wesen erziehen wollen und eine korrekte Lebensweise vorschreiben. Insbesondere auch deswegen können mit Realutopien neue, hoffnungsstiftende Wege eingeschlagen werden.


Moderne Utopien sind unfertig, offen und integral.

Bei der Erarbeitung von Utopien ist es notwendig, Werte und Ziele nicht zu verabsolutieren und als wahr oder final festzuschreiben. Vielmehr geht es um die Entwicklung bestimmter Logiken und Lösungswege, die gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen. Utopien müssen immer unfertige Vorschläge für eine bessere Welt bleiben und offen sein für unterschiedliche Perspektiven und die Bedürfnisse von Minderheiten. Sie müssen bereit sein, neue Bedürfnisse und gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen, zu konstruktiver Kritik einladen und sich permanent selbst infrage stellen. Solche Utopien als inspirierende Einladungen in neue Denkräume und Möglichkeiten können maßgeblich zur zivilisatorischen Weiterentwicklung, zur Verwirklichung von Glück, Frieden und planetarem Gleichgewicht beitragen. Dann können sie ihre transformative Kraft entfalten, indem sie menschliche Kreativität entzünden und grundlegende Innovationen ermöglichen – auf dem Weg in eine schönere Welt.


Ran an die Arbeit! So kannst du Utopien näherkommen.


Die Technik „Utopian Charge“ dauert 5–10 Minuten und kann bereits zu zweit oder auch mit bis zu 30 Personen durchgeführt werden. Es ist eine schnelle Übung, durch die Gruppen sich mit dem utopischen Mindset verbinden und in einem kreativen Austausch die utopischen Potenziale eines Projekts in der Schule oder Uni, eines Ortes, eines Meetings oder Treffens o.ä. ergründen können. Das geschieht durch aufeinander aufbauende Ideen. Dazu „werfen“ die Teilnehmenden in schneller Abfolge ihre Ideen in den Raum. Entscheidend ist, ohne lange nachzudenken, den Prozess am Laufen zu halten. Die Übung beginnt immer mit der Frage: „Was ist das größte utopische Potenzial von … ?“ Darauf aufbauend werden spontan Ideen generiert. Die Ideen müssen nicht realistisch sein, es geht darum, Potenzial aufzudecken. Die Ideen können inhaltlich aufeinander aufbauen, müssen dies aber nicht. Sobald die Gruppe den Eindruck hat, dass ein ausreichend vollständiges und kraftvolles Visionsbild entstanden ist, beendet sie die Session.


GRUNDPRINZIP: JA, UND …


Die Übung nutzt die „Ja, und …“-Methode aus dem Impro-Theater. Dabei geht es darum, nicht zu diskutieren, sondern auf dem Gesagten der/des Vorredner*in aufzubauen. Jeder Satz mit „Ja, und …“, gefolgt von einer individuellen Ergänzung.


Weitere utopische Grafiken und Methoden findest du in der „Infothek für Realutopien“ unter realutopien.info! Dort findest du auch mehr zu Reinventing Society. Dies ist ein gemeinnütziger Think Tank mit der Mission, Menschen in eine regenerative Gesellschaft zu begleiten und zu befähigen, systemische Zukunftspotenziale zu verwirklichen. Dazu erforschen und erarbeiten wir positive Zukunftsvisionen und machen diese durch vielfältige Formate erfahrbar.



 

Hamburger Michel 2045


Die ehemals sechsspurige Ludwig-Erhard-Straße ist eine grüne Allee. Der motorisierte Individualverkehr ist von den Straßen verschwunden, stattdessen durchziehen gut strukturierte Radwege und begrünter ÖPNV die Stadt. Entstandene Freiflächen kommen der Allgemeinheit zugute. Das Stadtbild ist von Innovationen geprägt: Zuvor ungenutzte Dachflächen bieten Platz für Stadtgärten, Windräder und Fotovoltaikanlagen. Das Solarflugzeug wurde natürlich im Airbus-Werk in Finkenwerder hergestellt. Hamburg ist zudem eine Schwammstadt geworden, die überschüssiges Regenwasser unter der Erde aufspeichert. Wasserkollektoren sorgen für eine Wiederverwertung von Starkregen. Doch das Hamburg der Zukunft ist nicht nur klimapositiv, sondern seine Strukturen haben auch eine fördernde Wirkung auf das menschliche Miteinander, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie. Die Flächengestaltung lädt zum Verweilen ein und schafft Orte des Austauschs.


 

Geschrieben von Lino Zeddies / Reinventing Society


Grafiken: Reinventing Society und Wire Collective / Jan Kamensky


Reinventing Society ist ein gemeinnütziger Think Tank mit der Mission, Menschen in eine regenerative Gesellschaft zu begleiten und zu befähigen, systemische Zukunftspotenziale zu verwirklichen. Dazu erforschen und erarbeiten wir positive Zukunftsvisionen und machen diese durch vielfältige Formate erfahrbar. Mehr unter: www.realutopien.de Auf der „Infothek für Realutopien“ finden sich zahlreiche weitere utopische Grafiken und Methoden. Der Hamburger Künstler Jan Kamensky zeigt kurze Animationsfilme über die Umwandlung von autogerechten Straßen in menschenfreundliche Orte. Mehr unter: visualutopias.com

 

Quellen

(1) Precht, R. D., 2020: Jäger, Hirten, Kritiker, Goldmann Verlag München.


(2) Zit. nach Goblirsch, G., 2017: Real-Utopien zeigen Lösungsansätze, Springer Fachmedien Wiesbaden.


(3) Göpel, M., 2021: Unsere Welt neu denken. Ullstein Verlag Berlin.



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