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Sag nicht Nein zu dir selbst, wenn’s andere auch nicht tun

Was sind Anzeichen dafür, über Veränderungen in unserem Leben nachzudenken, und wie schöpfen wir den Mut, sie anzugehen? Celine (26), Anke (23) und Berat (23) erzählen, was sie als ausschlaggebend für die Umgestaltung ihres Lebens empfunden und welche Erkenntnisse sie dabei gewonnen haben, die sie auch anderen jungen Menschen mitgeben möchten. Ein Artikel über die Wirkungsmacht veränderter Lebensumstände.


Veränderungen sind zwangsläufiger Bestandteil unseres Lebens und daher unumgänglich. Es gibt unterschiedliche Beweggründe, die uns die Notwendigkeit neuer Wege aufzeigen. Nicht selten sind sie gesellschaftlich vorbestimmt und damit absehbar. Wir können uns auf sie einstellen und werden von der Aufbruchsstimmung unserer Mitmenschen mitgerissen, wie z. B. in der Orientierungsphase nach dem Schulabschluss. Oder es sind einschneidende Ereignisse wie Krankheiten oder Trennungen, die uns gewissermaßen dazu zwingen, unseren Lebensstil ungeplant und oftmals abrupt zu verändern. Manchmal sind die antreibenden Gründe allerdings von außen nicht zwangsläufig erkennbar - alles könnte so weiterlaufen wie bisher und ein Spurwechsel wäre gar nicht notwendig. Wir spüren den Drang vielmehr in uns selbst, und die Situation, in der wir uns befinden, stößt auf inneren Widerstand. Diesen Widerstand zu erkennen und uns einzugestehen, erfordert wiederum eine gute und aufrichtige Beziehung zu uns selbst sowie den Mut, diesen als Chance zur Veränderung wahrzunehmen.


In einer Zeit, in der die Konfrontation mit der Vielfalt an Lebensstilen unausweichlich ist, ist es gar nicht so leicht, den richtigen Zeitpunkt und die Ausrichtung der Veränderung zu erkennen. Vielleicht fällt es uns auch deshalb so schwer, weil der Prozess der Loslösung vom Alten und mitunter von den Erwartungshaltungen anderer ja immer auch die Loslösung von einem Teil unseres Selbsts bedeutet. Ich verabschiede mich von einer Vorstellung, wie ich geglaubt habe zu sein oder wie ich selbst gerne mal sein wollte.


Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wann man für sich persönlich merkt, dass ein Aufbruch notwendig ist und was es dafür braucht, habe ich Menschen, die sich selbstbestimmt auf einen neuen Weg begeben haben, nach ihren Erfahrungen und den Beweggründen hinter dem Prozess gefragt.


„Mir hat geholfen, überhaupt mal den Gedanken zuzulassen: Was ist, wenn ich was anderes mache. Und das hat so ein Gefühl der Erleichterung ausgelöst und den Druck weggenommen. Und ich glaube, wenn man dieses Gefühl hat, dann ist das ein gutes Zeichen, was Neues zu wagen.“ Celine (26) aus Köln hat nach der Schule eine Ausbildung als Vermögensberaterin und ein duales BWL-Studium abgeschlossen, bis sie gemerkt hat, dass dieser Arbeitsbereich nicht das Richtige für sie ist. Auslöser war, dass es ihr mental über einen längeren Zeitraum hinweg nicht gut ging und sie für sich den Beschluss gefasst hat, etwas zu verändern. Parallel zur Ausbildung hat sie sich immer schon für das Arbeiten und Wirken im sozialen Bereich interessiert und gespürt, wie viel Freude ihr die Arbeit mit Menschen bereitet und auf welche positive Resonanz sie stößt. Letztere bestätigte ihr eigenes Gefühl, dass ein solches Arbeitsumfeld viel eher ihrem Naturell entspricht. Heute hat sie sich ganz von ihrem alten Job in der Beratung verabschiedet und arbeitet mit fünf 24-Stunden-Diensten im Monat hauptberuflich als Pflegeassistenz. Während der Dienstzeit wohnt sie im Haus einer älteren Frau und unterstützt diese in der Bewältigung ihres Alltags. Daneben betreut sie als Gruppenleiterin ein Café- und Kunsthaus, in dem Menschen mit Beeinträchtigung zusammenarbeiten, und koordiniert zusätzlich Ausflüge in die umliegende Region für Senior:innen und Beeinträchtigte.


„Das waren tatsächlich alles so Brüche von der Karriere weg oder dem Menschenbild, das man so von der Gesellschaft geprägt bekommen hat, wie eine Karriere auszusehen hat, womit man Geld verdient und wie man aufsteigt, zu: Was macht mir eigentlich intrinsisch Spaß?“ Auf die Frage, was sich seit dem Umbruch in ihrem Leben für sie verändert habe, antwortet sie lachend, sie habe nun sehr viel mehr Freizeit, aber auch sehr viel mehr Chaos in ihrem Leben. Aber: „Seitdem ich in dem Bereich arbeite, hab’ ich noch nie gedacht: Boah, heute hab’ ich keinen Bock auf die Arbeit. Und das hatte ich vorher schon oft.“ Insofern sagt Celine, dass sie die Phase unmittelbar vor ihrem Jobwechsel im Nachhinein als positiv und wichtig einschätzt, weil sie ihr als antreibende Kraft diente, etwas zu verändern. Ähnlich blickt Anke (23) auf die Phase vor ihrem Wechsel. Sie studierte zunächst zwei Semester Jura, bevor sie sich zur Ausbildung als Physiotherapeutin entschieden hat. Es habe diese Erfahrung gebraucht, um zu realisieren, dass ihr sowohl der Bereich Jura als auch das Lernkonzept des Studiums im Allgemeinen nicht zusagt. An die Phase während und kurz nach dem Abi erinnert sie sich so:


„Jede:r fragt dich ständig, was du studieren willst und natürlich kommst du dann viel weniger auf den Trichter: Es gibt ja auch noch die Möglichkeit der Ausbildung.“ Die Erwartungshaltung zu studieren, verhindert ihrer Meinung nach, sich ernsthaft mit der Option Ausbildung auseinanderzusetzen und sich damit zu befassen, was diese eigentlich im Vergleich zum Studium ausmacht. Außerdem stört sie die herablassende Haltung, die nicht selten gegenüber Auszubildenden eingenommen wird. Rückblickend hat ihr im Prozess der Entscheidungsfindung geholfen, über eine Freundin die Vorzüge eines strukturierten Alltages und den Bezug zur Arbeitswelt zu erleben. Ein Praktikum während der Schulzeit und der Austausch mit anderen hat sie darin bestätigt, dass eine Ausbildung als Physiotherapeutin ihr viel besser entspricht.


Mittlerweile steht Anke kurz vor den Abschlussprüfungen und kann auf fast drei Jahre Ausbildung zurückblicken. Der Praxisbezug der Wissensvermittlung und die Erfahrung, mit neu erworbenem Wissen Menschen unmittelbar helfen zu können, hat ihr viel besser gefallen. Die Lernatmosphäre in der Klasse hat sie aufgrund der geringeren Anzahl an Auszubildenden deutlich intimer wahrgenommen. Eine Ausbildung schafft ihrer Erfahrung nach eine viel stärkere Verbindung untereinander, die sie noch zu Zeiten des Studiums vermisst hat. Außerdem wirkte sich zusätzlich das Arbeitsverhältnis und das Wissen, für ihr Lernen entlohnt zu werden, positiv auf ihre Lernmotivation aus. Wie entscheidend die Atmosphäre für die Wissensaufnahme und das allgemeine Lebensgefühl ist, zeigt auch der Weg von Berat (23) aus Istanbul. Bis vor kurzem studierte er dort nach seinem Abschluss an einer deutschen Schule Politikwissenschaft, bis er zum jetzigen Wintersemester nach Berlin gewechselt hat. Für ihn war die Erfahrung der Hilf- und Perspektivlosigkeit im eigenen Land Ausgangspunkt des Umbruchs. Die Gewissheit, dass kleine Veränderungen nicht reichen werden, um sich von der Atmosphäre und dem Fremdheitsgefühl zu lösen, haben ihn dazu veranlasst, sein ganzes Leben umkrempeln zu wollen. Als ausschlaggebende Erkenntnis beschreibt er: „Irgendwann habe ich für mich realisiert: Ich bin nicht das Zentrum der Welt. Und das war der Punkt, an dem ich mir gesagt habe, jetzt wartest du nicht auf Chancen oder darauf, dass Leute dir etwas anbieten. Jetzt baust du dir dein Leben selbst.“ Was sich, seitdem er in Deutschland wohnt, für ihn verändert hat? „Ich fühle mich zu Hause und von Menschen umgeben, die ähnlich ticken wie ich. Alle sind sehr hilfsbereit und hier habe ich das Gefühl, mir wird richtig zugehört.“


Zum jeweiligen Ende der Unterhaltung habe ich meine Gesprächspartner:innen gefragt, was sie anderen Menschen in Aufbruchssituationen gerne mit auf den Weg geben würden.


Celine: „Viel mehr auf das eigene Gefühl vertrauen und zu sich selbst nicht Nein zu sagen, wenn’s andere nicht tun.“

Anke: „Den Mut haben, sich von Klischees wegzubewegen, und dem, was andere über einen denken könnten. Praktika machen, um ein Gespür für sich zu entwickeln, und keine Angst davor haben, doch das Handtuch zu werfen.“ Berat: „Geduldig mit sich sein. Das Leben ist sehr kurz, aber irgendwie doch sehr lang. Und Veränderungen brauchen Zeit.“ Obwohl die langfristige Wirkung der Veränderung von Berats Wohnortwechsel nach Berlin noch abzuwarten bleibt, verdeutlichen die Wege der drei beispielhaft den Einfluss der Rahmenbedingungen unseres Lebens für unser Befinden. Sie entscheiden darüber, welche Teile unserer Persönlichkeit zum Vorschein kommen, wie viel Raum wir ihnen geben, sich zu entfalten, und wie wohl wir uns damit in uns selbst fühlen. Vielleicht ist das Gefühl, in einer Sackgasse festzustecken und ausbrechen zu wollen, Ergebnis zu langer Unterdrückung eben jener Persönlichkeitsanteile, die unser Wesen maßgeblich ausmachen – vielleicht ist das der Widerstand, eine Art Weckruf, der uns die Notwendigkeit einer Veränderung aufzeigt. Vielleicht müssen wir manchmal nur genau hinhören und uns trauen, die Türen zu neuen Räumen aufzubrechen.

 

Illustration: Louisa Szymorek

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